Femizide – tödliche Gewalt durch (Ex-)Partner

Femizide gehören zu den extremsten Formen häuslicher Gewalt. Gemeint sind Tötungen von Frauen im Zusammenhang mit Kontrolle, Besitzdenken, Trennung oder dem Unwillen, den Verlust der Partnerin zu akzeptieren. Auch in Deutschland werden Frauen von Partnern oder Ex-Partnern bedroht, verfolgt und getötet. Die Taten ziehen sich durch alle unterschiedlichen sozialen Schichten, Milieus und Lebensrealitäten.

Viele dieser Taten entstehen nicht aus einem einzigen plötzlichen Gewaltausbruch. Oft gehen ihnen Monate oder Jahre psychischer Gewalt, Kontrolle, Demütigungen, Drohungen, Eifersucht oder körperlicher Übergriffe voraus. Besonders gefährlich wird die Situation häufig dann, wenn Frauen eine Beziehung beenden wollen oder bereits beendet haben. Genau in dieser Phase eskaliert Gewalt nicht selten bis hin zum Mord.

Der Begriff Femizid beschreibt Tötungen von Frauen, die in einem geschlechtsspezifischen Gewaltverhältnis stehen. Gemeint sind nicht nur Morde in Partnerschaften, sondern auch Tötungen aus Frauenhass, aus Besitzdenken, aus sogenannten Ehrvorstellungen oder nach sexualisierter Gewalt. Der gemeinsame Kern ist: Die Frau wird getötet, weil sie als Frau verletzt, kontrolliert oder bestraft werden soll.

Ein Fall aus Bad Neuenahr-Ahrweiler

Im Juli 2025 soll ein 31-jähriger Deutscher seine seit etwa einem Jahr getrennt lebende Ehefrau unter einem Vorwand in sein Haus gelockt haben. Dort tötet er sie laut Staatsanwaltschaft mit mehreren Messerstichen. Im Hintergrund standen Trennung, Scheidung, finanzielle Forderungen und Streit um das Umgangsrecht für das gemeinsame Kind.

Keine plötzliche Eskalation, kein situativ ungebremster Jähzorn – die Ermittler gingen von einer geplanten Tat aus. Laut Anklage soll der Mann zuvor in einem an die Garage angrenzenden Raum eine Grube vorbereitet haben. Dort betonierte er die Leiche seiner Ehefrau ein und verflieste anschließend die Oberfläche.

Nachdem die Frau als vermisst gemeldet worden war, kam die Polizei dem Täter auf die Spur. Das Landgericht Koblenz verurteilte ihn inzwischen wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Die Anklage sah unter anderem Heimtücke, Habgier und niedrige Beweggründe als erfüllt an.

Dieser Fall steht nicht allein. Immer wieder enden Trennungen für Frauen tödlich – nicht aus „Liebe“, sondern aus Besitzdenken, Kontrollverlust und Gewalt. Genau deshalb wird inzwischen auch in Deutschland verstärkt über Femizide diskutiert: über ihre Ursachen, ihre Warnsignale und die Frage, warum gefährdete Frauen trotz zahlreicher Hinweise oft nicht rechtzeitig geschützt werden können.

Was die Zahlen zeigen

Das Bundeskriminalamt meldete für 2024 in seinem Lagebild zu geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten unter anderem 328 vollendete Tötungsdelikte an Frauen und Mädchen. Ein großer Teil dieser Taten wurde dem Bereich der häuslichen Gewalt zugeordnet. Für 2023 wurden auf Grundlage des BKA-Lagebilds zudem 155 Frauen genannt, die durch Partner oder Ex-Partner getötet wurden. Das BKA erklärte dazu, in Deutschland sehe man „fast jeden Tag“ einen Femizid, zudem würden täglich mehr als 140 Frauen und Mädchen Opfer einer Sexualstraftat.

Die Tübinger/KFN-Studie stützt diese Einordnung. Die Forscher*innen werteten dafür mehr als 50.000 Seiten Ermittlungsakten aus und untersuchten 292 polizeilich registrierte Fälle. Ein großer Teil davon bestätigte sich als versuchte oder vollendete Tötungsdelikte an Frauen. Besonders relevant war dabei ein Befund: Partnerinnen-Femizide im Zusammenhang mit Trennung, Eifersucht und Kontrollverlust stellten die häufigste Form in Deutschland dar.

Auch die Polizeiliche Kriminalstatistik beschreibt zwar insgesamt einen Rückgang vieler Straftaten, gleichzeitig jedoch einen weiteren Anstieg sexualisierter Gewalt. Zudem bildet die Statistik nur das sogenannte Hellfeld ab – also jene Taten, die überhaupt angezeigt und erfasst werden. Viele Fälle bleiben unsichtbar.

Diese Zahlen machen deutlich: Femizide sind kein Randphänomen und keine Sammlung tragischer Einzelfälle. Sie folgen häufig einem wiederkehrenden Muster aus Kontrolle, Gewalt und Eskalation.

Und was ist mit Männern?

Auch Männer werden Opfer tödlicher Gewalt durch Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen. Ebenso existieren sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalttaten gegen Männer. Der Unterschied liegt jedoch häufig in den zugrunde liegenden Gewaltmustern und Motivationsursachen.

Statistiken zu Partnerschaftstötungen zeigen seit Jahren ein deutliches Ungleichgewicht. Je nach Studie und Erhebungsgrundlage sind etwa 75 bis 80 Prozent der Todesopfer Frauen, rund 20 bis 25 Prozent Männer. Beide Formen von Gewalt existieren – sie verteilen sich jedoch unterschiedlich.

Femizide stehen statistisch besonders oft im Zusammenhang mit Trennung, Kontrolle, Besitzdenken und dem Versuch, Macht über die Partnerin zurückzugewinnen. Bei Tötungsdelikten an Männern durch Partnerinnen finden sich dagegen häufiger Konstellationen von Eskalation, Gegenwehr, Selbstschutz oder langjähriger Gewaltbelastung innerhalb der Beziehung. Das bedeutet nicht, dass es dafür starre Regeln gäbe oder Männer nicht ebenfalls Opfer kontrollierender Gewalt werden könnten. Die sozialen und kriminologischen Muster unterscheiden sich jedoch häufig.
Vereinfacht formuliert: Frauen geraten oft dann in besondere Gefahr, wenn sie gehen wollen. Männer dagegen häufiger dann, wenn Gewaltkonflikte über lange Zeit eskalieren oder verdrängt werden, aber auch, wenn Frauen Angst haben zu gehen.

Für geschlechtsbezogene Tötungen von Männern existiert im Deutschen bislang kein allgemein etablierter Begriff. Während sich der Begriff „Femizid“ zunehmend etabliert hat, wird über entsprechende Begriffe wie „Maskulizid“ oder „Androzid“ für männliche Opfer bislang nur vereinzelt öffentlich diskutiert.

Deutschland im EU-Vergleich – Schutzlücken und späte Reaktionen

Deutschland steht beim Schutz von Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt und Femiziden im europäischen Vergleich nicht besonders gut da. Zwar unterscheiden sich die Erfassungssysteme innerhalb Europas, doch nationale Lagebilder und europäische Berichte zeigen seit Jahren ein erhebliches Ausmaß von Gewalt gegen Frauen. Fachstellen kritisieren vor allem Defizite bei Prävention, Risikoanalyse und Schutzmaßnahmen.

Besonders deutlich wird das bei Hochrisikofällen nach Trennungen. Immer wieder berichten Betroffene und Beratungsstellen, dass Warnsignale eskalierender Gewalt zu spät erkannt oder nicht konsequent genug in Schutzmaßnahmen übersetzt werden. Polizei, Justiz und Hilfesystem reagieren häufig erst dann, wenn die Bedrohung bereits massiv geworden ist. Kritiker bemängeln deshalb ein System, das noch immer stärker auf Reaktion als auf wirksame Vorbeugung ausgerichtet ist.

Auch beim Gewaltschutz bestehen weiterhin strukturelle Lücken. Die Frauenhauskoordinierung verweist seit Jahren auf fehlende Schutzplätze, regionale Unterschiede und die Notwendigkeit verbindlicher Mindeststandards. Die neue EU-Richtlinie zu Gewalt gegen Frauen verpflichtet die Mitgliedstaaten zudem erst bis 2027 zur vollständigen Umsetzung entsprechender Schutzmaßnahmen – ein Hinweis darauf, dass der politische Druck zwar wächst, die praktische Umsetzung jedoch vielerorts hinterherhinkt.

Hinzu kommt Kritik an der juristischen und gesellschaftlichen Einordnung solcher Taten. Fachleute weisen darauf hin, dass tödliche Gewalt gegen Frauen nicht immer konsequent als geschlechtsspezifische Gewalt verstanden wird, obwohl der Tat oft bereits eine Vorgeschichte aus Kontrolle, Drohungen oder Misshandlung vorausging. Gerade deshalb fordern Studien zu Femiziden neben mehr Schutzplätzen auch bessere Gefährdungsanalysen sowie eine stärkere Sensibilisierung von Polizei, Justiz und Behörden für die typischen Dynamiken geschlechtsbezogener Gewalt.

Die Kinder sind Mitbetroffene

Besonders verheerend ist, dass bei vielen Femiziden auch Kinder betroffen sind. Sie erleben die Eskalation häufig direkt mit oder verlieren durch die Tat nicht nur ihre Mutter, sondern zugleich ihren Alltag, ihre Sicherheit und oft auch den Vater als Bezugsperson.

Für die Kinder endet die Gewalt nicht mit dem Tod der Mutter und der Inhaftierung oder dem Tod des Täters. Sie setzt sich fort – als Trauma, Verlust und nicht selten auch als soziale und existenzielle Krise.

Kinder sind in solchen Fällen nicht nur Angehörige der Opfer. Viele werden zu direkten Zeugen der Gewalt oder wachsen nach der Tat in einem Umfeld auf, das vollständig erschüttert ist.

Gesellschaftliche Aspekte

Femizide entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie wachsen dort, wo Kontrolle mit Liebe verwechselt, Besitzansprüche normalisiert und Gewalt über lange Zeit unterschätzt oder verharmlost werden. Genau deshalb gehört das Thema auch zur Frage patriarchaler Strukturen – nicht weil Männer pauschal Täter wären, sondern weil bestimmte Vorstellungen von Macht, Besitz und Geschlechterrollen Gewalt begünstigen können.

Eine Welt auf Augenhöhe bedeutet deshalb mehr als Gleichberechtigung auf dem Papier. Sie bedeutet Beziehungen ohne Angst, ohne Kontrolle und ohne Gewalt — und ein Schutzsystem, das Warnsignale ernst nimmt, bevor aus Drohungen Taten werden.

Quellen:

  1. https://www.zeit.de/news/2026-02/24/im-prozess-um-einbetonierte-leiche-wird-urteil-erwartet#:~:text=Der%20Deutsche%20habe%20seine%20getrennt,sie%20mit%20mehreren%20Messerstichen%20t%C3%B6dlich.
  2. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/studie-zu-femiziden-trennung-ist-haeufigster-ausloeser,femizid-142.html
  3. https://www.polizei-beratung.de/aktuelles/detailansicht/femizid-wenn-maenner-frauen-toeten/
  4. https://evangelische-zeitung.de/studie-femizide-meistens-durch-partner-oder-expartner/
  5. https://frauenrechte.de/unsere-arbeit/haeusliche-und-sexualiserte-gewalt/hintergrundinformationen/femizide
  6. https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/femizide-und-gewalt-gegen-frauen/515609/die-darstellung-von-gewalt-gegen-frauen-in-den-medien/
  7. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/haeusliche-gewalt-frauen-bericht-100.html
  8. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/11/StraftatengegenFrauen2024.html
  9. https://www.famrz.de/pressemitteilungen/h%C3%A4usliche-gewalt-im-jahr-2023-um-65-prozent-gestiegen.html
  10. https://www.onebillionrising.de/femizid-opfer-meldungen-2025/
  11. https://www.tagesspiegel.de/berlin/femizid-nach-trennung-ex-partner-wegen-mordes-in-berlin-marzahn-angeklagt-13705942.html
  12. https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100534092/bka-gewalt-gegen-frauen-ist-stark-angestiegen.html
  13. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/femizide-deutschland-100.html
  14. https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/antifeminismus-rechtsextremismus-femizide
  15. https://infodienst.bioeg.de/gesundheitsfoerderung/fachinformationen/bundeslagebilder-geschlechtsspezifisch-gegen-frauen-gerichtete-straftaten-und-haeusliche-gewalt/
  16. https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/studie-femizide-in-deutschland-vorgestellt/
  17. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/pks-vorstellung-102.html