Ein Seelchen irrte letzte Nacht
im Dämmerlicht durch Straßen
und sah der Kreaturen Wacht.
Sah die, die wir vergaßen.

Die Kälte zerrte am Geäst,
es drängte dicht im Vogelnest.
Doch unten hinterm Dornenbusch,
da lag der Mann, der sich kalt wusch.
Er lag, erkaltet unterm Sack
aus Tuch, ein armseliges Wrack.
Die leere Flasche Korn im Arm,
er dachte wohl, das hält ihn warm.

Ein Seelchen irrte letzte Nacht
im Dämmerlicht durch Straßen
und sah der Kreaturen Wacht.
Sah die, die wir vergaßen.

Es sah zwei Schatten an der Wand,
sie schlichen leise Hand in Hand,
fast ausgedünnt zum Markt im Ort,
die Müllcontainer standen dort
mit Essensresten hinterm Haus.
Sie suchten sich das Beste raus.
Containern ist zwar illegal,
dem Magenknurren war‘s egal.

Ein Seelchen irrte letzte Nacht
im Dämmerlicht durch Straßen
und sah der Kreaturen Wacht.
Sah die, die wir vergaßen.

Im fahlen Schein ein Mädchen stand
in kurzem Kleid, am Straßenrand
– missbraucht, geschlagen, tränenlos –
die Sucht nach Stoff schon riesengroß.
Benutzt, bezahlt mit Schmerzensgeld,
der Mond weint oft am Himmelszelt.
Den lüster‘n Typen schien nicht klar,
dass sie noch keine fünfzehn war.

Ein Seelchen irrte letzte Nacht
im Dämmerlicht durch Straßen
und sah der Kreaturen Wacht.
Sah die, die wir vergaßen.