Roman: Der Veteran (Teil 12)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 28
Der Bahnhof – ein Albtraum aus Stein und Stimmen. Das große rote Backsteingebäude mit der verschnörkelten Uhr über dem Eingangsportal ist noch dasselbe, aber sonst …
Menschen aus aller Herren Länder stehen, sitzen, liegen, laufen – langsam oder eilig – ein einziges Gewusel. Ein paar gebrechliche Menschen sitzen in Lumpen auf dem Boden, mit selbstgemalten Schildern auf dem Schoß, die Hände ausgestreckt, greifen in die Luft, wenn jemand vorbeigeht.
Unwillkürlich muss ich schlucken. Ich komme mir dagegen beinahe reich vor, obwohl ich selbst keine Münze in der Tasche habe. So etwas passt nicht zu dem, was ich von meiner Stadt erwartet hatte.
Ein schlecht gekleidetes Mädchen rempelt mich an: „Willst du? 50 Euro. Toilette?“ Ich schiebe sie vorsichtig von mir und gehe schnell weiter.
Ich sehe keine bettelnden Kinder und keine Kriegsversehrten mit Blechdosen. – Wenn nicht diese modernen Züge wären und die vielen Menschen mit ihren Sprechgeräten, könnte es auch vor dem Krieg sein.
Ich irre ein wenig zwischen all diesen Gestalten umher, bevor ich den Nebenraum mit den Fächern finde.
727 – ist nicht etwa ein kleines Fach, sondern eines der größeren.
Ich sehe mich um, ob ich allein bin. Doch niemand beachtet mich.
Dann bleibt mir vor Staunen der Mund offen stehen. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte – aber das sicher nicht: ein großes Fach, zur Hälfte gefüllt mit Büchern. Fein säuberlich gestapelt. Ein Stapel Geschichtsbücher, ein Stapel Klassiker – viele davon kenne ich –, ein Stapel Mathematikbücher, und zuletzt allerlei Fachbücher.
Wer ist dieser Richard Hoffner?
Auch die Kleidung – sauber und ordentlich gefaltet. Vorne die Sommerkleidung, hinten dickere für den Winter. Dazu warme Winterstiefel, Schal, Handschuhe und Mütze. Eine Tasche mit Schreibsachen und ein kleiner Beutel. Hier muss sein Geld sein.
Seitlich stecken ein paar Stofftaschen. Ich nehme eine davon und packe einige Dinge ein, von denen ich glaube, dass er sie brauchen könnte. Dann greife ich mir zwei der Klassiker und packe sie ebenfalls in die Tasche.
Er hatte auch um Geld gebeten, aber ich habe keine Ahnung, welchen Wert die einzelnen Scheine und Münzen heute haben. Schließlich nehme ich einen Schein, auf dem eine 50 steht, und ein paar Münzen dazu.
Ich verschließe das Fach, stecke den Schlüssel in meine Hosentasche und suche den kürzesten Weg nach draußen.
Szene 29
„Im Prinzip geht es mich nichts an, Richard, aber du bist kein normaler Obdachloser.“ Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln, dem Übergeben der mitgebrachten Sachen, der Aufforderung, mich doch zu setzen und noch etwas zu bleiben, halte ich es nicht mehr aus. Ich muss wissen, wer hinter Richard Hoffner steckt.
„Du doch auch nicht. Denkst du wirklich, mir ist entgangen, dass du keine Nacht geschlafen hast? Und ich weiß nicht, ob du tagsüber trinkst oder isst, aber gesehen habe ich jedenfalls nichts.“
Überrascht sehe ich ihn an. Er blickt mir offen ins Gesicht.
„Übrigens, sie haben die Jugendlichen erwischt. Anscheinend haben sie gestern Abend noch versucht, ein Auto anzuzünden. Heute Morgen war jemand von der Polizei hier und hat‘s mir erzählt.“
„Was passiert jetzt mit ihnen?“, frage ich.
„Vermutlich werden sie angeklagt. Vielleicht wegen Körperverletzung. Ich lebe ja noch.“
„Aber sie kommen schon ins Gefängnis? Du hättest auch sterben können.“
„Na ja – ich bin ja keine wichtige Persönlichkeit. Da wird nicht ganz so streng hingesehen. Und es kommt darauf an, ob sie gestehen, ob sie Reue zeigen, wie alt sie genau sind, ob es Absicht war. Ich schätze, ein paar Sozialstunden werden dabei herauskommen. Wenn überhaupt.“
Ich senke betroffen den Blick auf meine Schuhe. Ausrangierte Sportschuhe aus Claudias Wäschesack. Glücklicherweise passen sie mir. Sie wirken fremd an meinen Füßen.
Meine Wehrmachtsstiefel habe ich nicht mitgenommen. Zu klobig. Sie stehen unter einer umgestülpten Blumenwanne, hinter der Garage, in Claudias Garten. Falls sie noch nicht entdeckt wurden.
Vor dem Krieg wären die Jugendlichen wegen versuchten Totschlags vor ein Jugendgericht gekommen. Genau weiß ich das nicht. Aber im Krieg … da hätten sie dafür eher einen Orden bekommen. Da war ein Obdachloser nichts. Und sein Leben auch nicht. Nein – eigentlich war es noch schlimmer. Asoziale, nannte man sie. Die Opfer – nicht die Täter.
Richard beobachtet mich schweigend.
„Du hast mir ‚Krieg und Frieden‘ von Tolstoi mitgebracht, hat das eine besondere Bewandtnis?“
„Nein. Oder doch. Irgendwie schon.“
Kann ich ihm die Wahrheit sagen? Würde er mir überhaupt glauben? Oder mich für verrückt halten – und ich würde für immer in einer Anstalt verschwinden?
Wieder sieht er mich aus seinen klugen Augen an.
„Ich war früher Mathematiker, Diplom-Mathematiker. Bei Siemens. In der Entwicklung. Erfolgreich, mit einem eigenen Haus. Mit Frau und zwei Kindern.“
„Mathematiker? Ich verstehe. Aber das erklärt nicht, warum du auf der Straße lebst.“
„Es gab mal eine Zeit, in den frühen 2000ern, da war es regelrecht Mode, ältere Fachleute systematisch zu entlassen. Alt war man bereits mit fünfzig. Es traf viele, nicht nur mich. Und die meisten fanden danach keinen Job mehr. Man konnte sich die Finger wund schreiben an den vielen Bewerbungen. Wir galten als zu teuer, zu wenig flexibel. Wir wären technisch nicht mehr auf dem Laufenden. Also stellten sie Jüngere ein – für weniger Geld, mit schlechteren Bedingungen.“
„Ich war im letzten Jahr meines Studiums fürs höhere Lehramt – Geschichte und Deutsch. Aber ich kam nicht mehr dazu …“
Richard nickt, als verstünde er.
„Ich spreche eigentlich nie über mich. Ich staune gerade über mich selbst. Interessiert es dich noch?“
Ich nicke.
Da kommt eine Krankenschwester herein: „Sie müssen draußen warten, aber es wird etwas länger dauern.“
Ich stehe auf, um ihr samt dem klappernden Metallwagen Platz zu machen.
„Ich gehe dann mal. Und danke für dein Vertrauen.“
„Du kommst doch wieder?“
„Ja“, sage ich – und bin mir sicher: „Ja, ich komme wieder.“
