Wir Nachkriegskinder bekamen eingetrichtert, dass wir Deutsche schuldig seien, das Verwerflichste, was so auf Gottes Erden herumläuft. Auch wir Kinder, die wir noch nie einen Tag Krieg erlebt hatten, keine Entscheidungen getroffen hatten, niemanden ermordet hatten – auch wir waren also mitschuldig.

Viele Jahre haderte ich mit dieser Erkenntnis und ich schämte mich mein halbes Leben lang, Deutsche zu sein. Irgendwann entschied ich allerdings, dass ich nicht verantwortlich war. Ich nicht, und viele andere mit mir auch nicht. Aber verantwortlich dafür, was aus dieser Geschichte folgt, sind wir wohl.

Und ab diesem Tag fühlte ich mich als Europäerin. Ich liebe Europa – das ganze Europa.

Wie sensationell war es, als Schengen geboren wurde. Und jetzt – jetzt kommen wieder welche daher, die diese Errungenschaft niederringen möchten. Die sich als Nationalisten aufspielen und neue Grenzen ziehen.

Das Schockierende daran ist aber den Zulauf, den solche Rattenfänger haben. Einer Partei, die in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Solchen Leuten 43,8 Prozent der Stimmen zu schenken, ist mir absolut unverständlich. Und im Bund sieht es nicht gravierend besser aus.

Die CDU sinkt auf ein unterirdisches Niveau, andere sind froh überhaupt in den Landtag einzuziehen. Die SPD bleibt so schwach, dass man schon beinahe Mitleid bekommen könnte und wie es aussieht, gebärdet sich das BSW tatsächlich als möglicher Steigbügelhalter. Es will sich an einer Brandmauer-Politik nicht beteiligen und würde sich in einem möglichen dritten Wahlgang bei Ulrich Siegmund enthalten. Wagenknecht schließt eine Koalition mit der AFD aus, nicht aber eine Zusammenarbeit und wechselnde Mehrheiten.

Das darf doch alles nicht wahr sein.

Und das Schlimmste daran ist – ich kann sogar verstehen, dass die Menschen die Nase voll haben, von einer Politik, die vielfach an ihnen vorbei regiert. Von einer politischen Elite, die ihre eigenen Süppchen kocht, statt sich um die wirklichen Belange der Menschen zu kümmern.

Und zur Krönung, damit sie nicht wirklich die Schieflagen im Land ändern müssen, braucht es Schwarze Peter. Das hat schon immer funktioniert.

Eine Gruppe Schuldige ist immer schnell gefunden, denen man die Missstände in die Schuhe schieben kann. Damals wurden Juden systematisch zu Sündenböcken gemacht. Heute werden gesellschaftliche und soziale Missstände zunehmend pauschal den Ausländern oder den Migranten angelastet.

Die historischen Dimensionen sind nicht dieselben. Aber der Mechanismus der Schuldzuweisung ist alt.

Auf solche Boote ist es für Parteien wie die AFD, einfach aufzuspringen und weiter einzuheizen. Die komplizierten Ursachen müssen dann gar nicht erklärt werden. Es reicht, jemanden zu präsentieren, der angeblich schuldig ist.

Aber wirkliche Lösungen haben sie auch keine. In solchen Milieus erstarken zunehmend Hetze und Hass.

Früher habe ich mich gefragt, wie es passieren konnte, dass so viele Menschen mit ihrer Stimme Hitler den Weg zur Macht geöffnet haben.

Heute sehe ich es live, wie bestimmte Mechanismen funktionieren.

Es braucht nur ausreichend Existenzängste und Krisen, die die Normalität erschüttern, und Regierungen, die den Eindruck entstehen lassen, dass sie die Lage nicht verbessern, sondern in Teilen noch verschlimmern.

Dann braucht es Schuldzuweisungen an Minderheiten – und Parteien, die versprechen, einfache Antworten auf komplizierte Probleme zu haben.

Bequemer könnte es die AFD doch gar nicht haben.

Wie vielen ging es damals wie mir heute?

Ohnmächtig und hilflos starrte ich gestern auf die Prozentzahlen auf dem Bildschirm und auf diese Balken, die den Erdrutschsieg einer Katastrophe visualisierten.

Und was kann man dagegen tun, außer sich möglichst nicht „mitschuldig“ zu machen?