Roman: Der Veteran (Teil 14)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 32
„Du glaubst nicht, wo ich gelandet bin, Liebes.“
Ich lege Helga einen Strauß Wiesenblumen auf die Grabplatte – am Stadtrand gepflückt, mühsam zwischen Straßenlärm und Betoninseln.
„In einem anderen Jahrhundert, genau genommen in einem anderen Jahrtausend. Es ist verrückt.
Vieles ist so anders. Es gibt Dinge, die hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Und manches ist, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“
Ich zögere.
„Wo ist man, wenn man nicht mehr lebt? Ganz weg kann man doch nicht sein – ich bin ja auch noch da. Entschuldige, jetzt geht die Fantasie mit mir durch, aber ich kann mir einfach nicht erklären, wo ich die ganze Zeit gewesen sein könnte. Und noch viel weniger, warum ich wieder hier bin. Verstehst du das?“
Vorsichtshalber sehe ich mich um. Niemand da. Nur die alte Kastanie steht stramm und spendet uns Schatten. Es ist wieder erschreckend heiß.
„Wenn das so bleibt, können sie hier bald Bananen und Orangen anpflanzen. Weißt du noch, wie wir davon geträumt hatten, durch ganz Europa zu reisen. Mit meinem Moped. Von Land zu Land, über alle Grenzen hinweg. Aber dann kam der Krieg.“
Ich halte inne.
„Ich bin froh, dass ich dich und die Kleine noch einmal sehen konnte, bevor mich die Granaten erwischten. So froh!“
Einen Moment schließe ich die Augen. Lasse die Bilder kommen – leise und schwer: Die letzten Minuten mit meiner kleinen Familie. Helga in meinen Armen, Melanie zwischen uns.
Sie hatte ihr Lockenköpfchen auf meine Schulter gelegt und verstand nichts von dem, was wirklich geschah.
„Weißt du, dass die Juden inzwischen ein eigenes Land haben? Ach – bestimmt weißt du das. Natürlich.
Warum ich das Thema wechsle? Weil wir zugesehen haben. Wie man ihre Familien auseinandergerissen hat. Wie sie verschwanden und niemals wiederkehrten.“
Ich spreche leiser.
„Weil wir nichts gefragt haben. Weil wir nichts sagten. Und wenn wir es gewagt hätten, wären wir selbst mitverschwunden.“
Ich schüttle leicht den Kopf.
„Wie konnten Menschen so grausam sein? Wie konnten wir so blind und so empathielos sein? Ich verstehe uns nicht mehr. Warum waren wir so? Und warum habe ich das nicht früher gesehen?“
Ich höre Stimmen näherkommen. Ich schweige.
Zeit zu gehen. Ich hebe grüßend die Hand – als ob Helga mich sehen könnte.
„Bis bald!“, flüstere ich ihr noch zu.
Szene 33
Das Absperrband ist verschwunden.
So gut mir die Kapelle Schutz geboten hat – ich bin froh, wieder hier zu sein. Unter freiem Himmel. Das Rauschen des Wassers. Das bedeutet mir viel.
Und außerdem: Die Clique hat man ja erwischt. Es dürfte wieder sicher sein.
Es gab Zeiten in meiner Kindheit und Jugend, da ging es bei uns hoch her. Auf den Straßen, auf den Plätzen, sogar in Bus und Bahn. In Straßenbahnen war es besonders schlimm.
Armut trieb die Leute auf die Straße. Arbeitslosigkeit. Hunger. Geld war plötzlich nichts mehr wert.
Manchmal schlugen sie sich in den Kneipen halbtot, weil einer zu bürgerlich war oder zu rot – oder einfach, weil jemand den Mund aufgemacht hatte.
Papa sagte immer: „In solchen Zeiten ist jedes Wort politisch.“
Erst viel später begriff ich, was er meinte. Dass viele die Demokratie ablehnten, sie regelrecht für ihre Not verantwortlich machten.
Gleichzeitig stritten die Kommunisten mit den Rechtsradikalen und lieferten sich Straßenschlachten.
Hetze und Häme waren an der Tagesordnung.
Dagegen ist es hier – fast himmlisch ruhig.
