Disclaimer: manche der folgenden Formulierungen sind politisch und kulinarisch inkorrekt. Bei plötzlich auftretendem Beschwerdewunsch wenden Sie sich hingebungsvoll an die Porzellanabteilung.

Seit der Affe, der Legende nach, ein Stück Holz zum Werkzeug gemacht hat und sich selbst damit zum Menschen weiterentwickelte, haben die letzteren eine innige Beziehung zu Stöcken. Was kann man nicht alles damit tun; ob wandern oder buddeln, ob essen oder jemanden verprügeln – es gibt natürlich für alles inzwischen spezialisiertere und modernere Werkzeuge, doch ein Stück Holz ist unvergänglich. Für alle, die jetzt an Diamanten denken – vermutlich waren viele der Diamanten in ihrem früheren Leben tatsächlich Bäume, bis sie erst zu Kohle wurden und später noch mehr Wertsteigerung erfuhren. Aber das führt uns woanders hin, wo wir gerade gar nicht hin wollen (zumindest will ich da noch nicht hin, ihr kleinen gierigen Kapitalisten). Also kommen wir vom Hölzchen wieder zu Stöckchen.

Die Angewohnheit, Stöcke in die Höhe zu recken, ist ebenfalls schon recht alt. Und sobald der Mensch diesen zivilisatorischen Meilenstein erreicht hat, war es vermutlich auch recht naheliegend, den anderen Menschen über große Entfernungen mit dem Stock zuzuwinken, da man dadurch etwas besser zu sehen war. Ob bereits zu dieser frühen Zeit der sprichwörtliche Zaunpfahl verwendet wurde, wird noch erforscht. Vermutlich etwa zur gleichen Zeit fand der Stock auch seine Verwendung als Signalgeber im Krieg. Es liegt allerdings die Vermutung nahe, dass man sich schnell in verwirrenden Situationen wiederfand, wenn beide Kriegsparteien auf die gleiche Idee kamen – und ob der Kämpfende dann auf die Schnelle erkennen konnte ob man gerade Team Pappel oder Team Eberesche war, konnte zu einer Frage von Leben und Tod werden. Und so entwickelte sich der Affe noch etwas weiter und kam auf die Idee, seinen Stock in der nachmittäglichen Bastelstunde mit Kindern aufzuhübschen und damit auch besser erkennbar zu machen.

Zu den ersten Versuchen zählten womöglich die primitiven Farben, in erster Linie gewonnen aus diversen Körperflüssigkeiten der besiegten Feinde, indem man ihnen den angespitzten Stock – womit wir doch wieder beim Pfahl wären – in irgendwelche Körperstellen steckte und den Stock danach trocknen ließ. Gelegentlich ließ man auch die Körperteile selbst mit dran, insbesondere die Köpfe, um den Feind abzuschrecken. Ob das immer so gut klappte, darüber schweigt sich die Geschichte leider aus – allerdings kann ich mir durchaus die Situationen ausmalen, wo sich so ein nichtsahnender Stockträger plötzlich von einer ganzen Sippe umringt sah, die einfach nur ihren Verwandten-Bekannten-Arbeitskollegen Klaus zu erkennen glaubte und dann enttäuscht feststellen musste, dass es sich nur um die oberen 10% von ebendiesem Klaus an einem Stock handelt. Den Ausgang dieser Geschichte kann sich vermutlich jeder selbst ausmalen. Die Gerüchte, dass so der erste Döner entstanden sein soll, entbehren jedoch jeglicher geschichtlicher Grundlage.

Und so mussten kreativere Lösungen her. Schon im Alten Ägypten hat man angefangen, Stöcke und Stäbe aus Kupfer und Bronze zu gießen und denen diverse Erkennungselemente hinzuzufügen: im Endeffekt alles, was so rumlag und bisher keine Verwendung fand – Kugeln, Scheiben, Bauklötze, Katzen – ok, ok, letzteres ist von mir frei reininterpretiert worden, aber so ganz genau wissen wir es halt nicht, von daher gebietet uns die wissenschaftliche Sorgfalt, sämtliche Hypothesen aufrecht zu erhalten, bis sie eindeutig widerlegt sind. Schließlich haben die Römer auch Adler verehrt und trotzdem ihre Stöcke damit dekoriert – und wer weiß, wie da der erste Entwurf ausgesehen hat. Und dass man zu der Zeit generell nicht allzu zimperlich war, sollte jedem klar sein – man denke ja auch an die Kreuzigungen.

Belagerung einer Burg

Die Chinesen waren da übrigens schon deutlich weiter und das nicht nur wegen der Zeitdifferenz, die damals noch nicht erfunden war. Katzen und Adler wurden lieber direkt gegessen – ich weiß, ich weiß: ist eine Unterstellung – aber die Haltbarkeit vom Getier am Spieß ist gerade im Sommer doch arg begrenzt, deswegen hat man die Stöcke stattdessen lieber mit Tüchern dekoriert, auf die man irgendetwas gemalt oder geschrieben hatte. Die Geburtsstunde der Flagge. Copyright war hingegen noch nicht geboren, deswegen verbreitete sich die Erfindung über den ganzen Orient und kam schließlich auch nach Europa. Und von da an hatte sich auch der kleinste Fürst nicht nehmen lassen, irgendeinen Kitsch auf seine Flagge zu pinseln. Tausende und Abertausende Löwen, Bären oder Adler in diversen Variationen schmückten die europäischen Flaggen, was durchaus eine gewisse Beschränktheit der jeweiligen Fürsten aufzeigte: schließlich hat man sich auf eine Handvoll Vertreter der gesamten Flora und Fauna eingeschossen. Und am Ende führte es irgendwie zum ursprünglichen Problem: man musste sich im Eifer des Gefechts wieder sehr schnell entscheiden, ob man diesen hässlichen Löwen auf der eigenen Fahne hatte oder jenen hässlichen Löwen. Und weil auch der Fürst selbst bisweilen durcheinander kam, erfand man den Beruf des Hyrauts – des Mannes, der dafür zuständig war, diverse Fahnen und Wappen zu (er-)kennen. Der französische Hyraut wurde später zum englischen Herald bzw. deutschen Herold und die Kunde von Wappen und Farben zu Heraldik. Und damit alles seine Richtigkeit hat, erschuf man auch noch ein paar Heroldsämter, denn alles ist besser mit einer Prise Bürokratie.

Konnte man sich bei seinen künstlerischen Tätigkeiten zuvor nach Belieben austoben, so wurden nach und nach neue Regeln eingeführt, wie die Symbole der Macht dargestellt werden sollen; die Farben bekamen feste Bedeutungen, und alles wurde viel viel ordentlicher. Und mit der Zeit bildeten sich aus den ehemals persönlichen Wappen und Flaggen staatliche Insignien – und aus den zwischenmenschlichen Beziehungen wurden zwischenstaatliche. So wurde beispielsweise aus dem Georgskreuz des Königreichs Englands (aufrecht stehend, rot auf weiß), dem Andreaskreuz für den Bahnübergang – na gut, in diesem Fall vielleicht doch eher für Schottland (diagonal, weiß auf blau) – und dem Patrickskreuz Irlands (diagonal, rot auf weiß) die Flagge Großbritanniens (deswegen auch Union Flag). Und diesen hat man dann allen eroberten Kolonien aufoktroyiert – quasi als politisches Brandzeichen. So haben bis heute einige Länder den Union Jack in ihren Nationalflaggen integriert. Nur dass man ihn heute als ein Zeichen der Verbundenheit der Anglosphäre zu interpretieren versucht. Mehr oder minder erfolgreich.

Aber so kann man inzwischen deutlich mehr aus den Flaggen ablesen, als einfach nur die künstlerischen Fähigkeiten und die Fantasie eines Fürsten. Indien, beispielsweise, lange Zeit von England beherrscht, hat sich mit seiner Flagge emanzipiert, denn hier griff man auf die historische Farbgebung und Symbolik zurück und mischte sie mit dem Unabhängigkeitsgedanken des Tricolore/Tricolour der niederländischen Flagge (ist übrigens eine der ältesten durchgehend benutzten Flaggen der Welt – seit der Mitte des 17 Jahrhunderts). Kanada, obwohl noch immer Teil des Commonwealths, wahrt flaggentechnisch ebenfalls eine respektvolle Distanz zum Mutterland und kann dadurch aber auch die französisch-sprachige und die indigene Bevölkerung mit einschließen. Australien und Neuseeland hingegen sehen sich anscheinend noch stärker mit dem Vereinten Königreich verbunden, obwohl es beispielsweise in Neuseeland schon länger Bestrebungen gibt, eine andere Nationalflagge zu etablieren, wohl mit einem ähnlichen Gedankengang wie damals in Kanada, allerdings mit einem Farn als Nationalsymbol.

Englische Flagge vor einer Burg

Doch die Flaggen können auch Verbundenheit ausdrücken, ohne direkt erzwungen worden zu sein (oder zumindest nicht ganz so erzwungen). Peter der Große, seines Zeichens Zar von Russland, hat sich damals (im 17 Jahrhundert) ebenfalls von den Niederländern inspirieren lassen und die russische weiß-blau-rote Flagge entworfen. Diese Farbkombination wurde im späten 19 Jahrhundert wiederum von den Verfechtern des Panslawismus („pan“ bedeutet hier soviel wie allumfassend und hat nichts mit Peter zu tun – obwohl doch, aber mit dem Großen, nicht dem Pan – ach, ihr macht mich hier fertig) zum Zeichen der kulturellen Zugehörigkeit zum slawischen Volk hochstilisiert. Das führte dazu, dass bis heute viele osteuropäische Staaten (ob Serbien, Kroatien, Slowenien oder Tschechien und die Slowakei – und selbst die Sorbische Minderheit in Deutschland) diese Farbkombination in ihren Flaggen tragen.

Ein ähnliches Phänomen kann man übrigens auch woanders beobachten: die Farben des Propheten Mohammed, schwarz und weiß, sind vielen heute bekannt von der IS-Flagge, die ja bekannterweise aus weißem Text auf schwarzen Hintergrund besteht. Die Geschichte der schwarzen Flagge mit weißem Text (der sogenannte „schwarze Banner“) ist allerdings deutlich älter als der IS – es gibt Überlieferungen aus dem 7 Jahrhundert, die von einer schwarzen Flagge mit dem in weiß geschriebenen Glaubensbekenntnis des Islams berichten. Auch die farblich invertierte Variante – die „weiße Flagge des Propheten“ ist in etwa genauso alt; unter ihr eroberten damals die Umayyaden als Anführer der Araber Spanien (wie im ersten Teil dieser Reihe erwähnt), bevor sie vom Stamm der Abbasiden, die unter der schwarzen Flagge kämpften, um 750 gestürzt wurden. Anscheinend war die dunkle Seite doch etwas stärker – oder sie hatten Kekse.

Aber genug von Star Wars: der bereits mehrfach erwähnte Prophet hatte ja neben den Symbolfarben auch eine persönliche Lieblingsfarbe – und die war grün. Die grüne Farbe und die gleiche Inschrift wie auf dem schwarzen Banner sieht man übrigens auf der Flagge von Saudi-Arabien, zusammen mit einem Schwert als Zeichen von Sicherheit und Gerechtigkeit. Vielleicht wäre da eine Säge angemessener – ist allerdings nur ein unverbindlicher Vorschlag. Aber zurück zu der Farbenlehre: Schwarz, Weiß, Grün und das später hinzugekommene Rot wurden in der arabisch-islamischen Welt analog hochstilisiert, wie etwas nördlicher Weiß, Rot und Blau. Und auch hier gab es (und gibt es bis heute) die pan-arabischen bzw. pan-islamischen Bewegungen und auch hier zeigen viele Staaten bis heute die Zugehörigkeit zu dem gemeinsamen Glauben, zu der gemeinsamen arabisch geprägten Kultur und zu einem gemeinsamen Volk mit genau diesen Farben. Vom Irak im Osten – über Syrien und Ägypten, bis nach Libyen im Westen und Jemen und Sudan im Süden – sie alle sehen sich als Teil der pan-arabischen Welt, niedergeschrieben in den Farben ihren Flaggen.

Ein ganz schön beeindruckende Entwicklung des einfachen Stöckchens – vom abgebrochenen Ast zum vereinenden Symbol der ganzen Volks- und Staatengemeinschaften und von Hunderten Millionen Menschen.

Fortsetzung folgt …