Roman: Der Veteran (Teil 13)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 30
Still sitze ich auf einer kleinen Steinbank vor der Kapelle und schaue in den Abendhimmel. Sie sieht fast noch genauso aus wie früher. Direkt an der Straße. Oder besser gesagt: auf einer Art seitlicher Verkehrsinsel an einer Kreuzung. Ein etwas uriges Konstrukt.
Die Kapelle besteht aus roten Klinkersteinen und trägt ein Ziegeldach mit einem Zwiebeltürmchen. Ein schmaler Steinweg führt vom Bürgersteig durch die kleine Wiese zum Eingang – gerade genug Platz für zwei große Findlinge, ein paar niedrig wuchernde Büsche und einen Lindenbaum.
Ich sitze also hier, mit Blick entweder auf die Straße oder hinauf zum Himmel, der sich bereits rötlich verfärbt.
Eigentlich wäre es ein schöner Ort. Aber man riecht die Abgase der vorbeifahrenden Autos. Immerhin: Es sind nicht allzu viele.
Ab und zu gehen Leute vorüber. Manche, vor allem Ältere, nicken mir zu, wenn sie mich bemerken. Die meisten aber beachten mich nicht.
Tagsüber kommt es vor, dass jemand aus der älteren Generation sich vor den winzigen Altar stellt, die geschnitzte Figur betrachtet und ein Gebet murmelt – doch abends oder nachts ist hier niemand.
Kinder habe ich noch keine gesehen. Dabei war es doch einmal unser Lieblingsort. Verstehe ich nicht. Lothar und ich waren oft hier – zusammen mit anderen Kindern. Wir hatten immer etwas Geheimnisvolles zu besprechen, Pläne zu schmieden, Mutproben zu bestehen.
Wenn es mir zu Hause zu eng wurde, habe ich mich auch allein mit einem Buch hierher gesetzt.
Entlang der Straße stehen überall geparkte Autos. In fast allen Einfahrten weitere. Und wie anders sie aussehen.
Ich erinnere mich noch gut, als nach dem Krieg, in den 1920ern, eine neue Generation Autos aufkam. Wie stolz waren damals die Familien, die sich eines dieser glänzenden Gefährte leisten konnten.
Heute scheint das kein Problem mehr zu sein. Es sieht aus, als hätte jeder sein eigenes Auto.
Plötzlich fällt mir ein, dass nicht weit von hier, etwas stadteinwärts, unsere alte Schule lag – die Volksschule. Dort gingen wir alle aus dem Viertel hin, bevor wir auf die verschiedenen weiterführenden Schulen verteilt wurden.
Ob es sie noch gibt? Ich werde morgen nachsehen.
Szene 31
Langsam gehe ich durch die Straßen.
Ich werde nie vergessen, wie wir in den Zwanzigern vor unserer neuen Volksschule standen. Meine Eltern, Lothar, ich – und viele unserer Nachbarn mit ihren Kindern, die wie wir glücklich ihre Schulranzen trugen.
Bewundernd, staunend, fast ehrfürchtig.
Das Wort „Kaiserlich“ war von den Türschildern aller öffentlichen Gebäude verschwunden.
Aus den Köpfen nicht.
Ein schöner Bau, ohne Frage. Rote Sandsteinkanten, ein Sandsteinerker mit Spitzdach, frisch gekalkte Mauern – und ein Eingang, der uns stolz entgegenblickte. Zu stolz, für ein Land, das sich gerade erst aus dem Dreck des Schützengrabens geschält hatte.
Ein neuer Anfang hatte es geheißen. Bildung für alle.
In diesen Fenstern spiegelte sich nicht der Ruß der Vergangenheit. Den sah man in den Augen der Eltern. Wobei – Eltern, das waren vor allem die Mütter. Die Väter waren im Krieg geblieben. Manche waren zurückgekehrt – aber sie schrien nachts im Schlaf und schwiegen bei Tag.
Es gab einen richtigen Schulhof zum Spielen, mit bunten Kreisen, mit aufgemalten Buchstaben und Zahlen. Auch für die Kinder, die sich selbst Schuhe aus Zeitungspapier gebastelt hatten und Kleidung aus umgenähten Gardinen trugen.
Republik, nannte man das nun – aber Schiefertafeln für alle gab es trotzdem nicht.
Und doch: Für einige bedeutete sie ein Weg aus dem Elend.
Aber jetzt? Sie ist nicht mehr da. Nichts davon. Was geblieben ist, sind Kinder. Viele. Noch sehr kleine. Geschrei, fröhliches Lachen und Toben.
Ein Kindergarten. Flacher Beton, grau, mit buntbeklebten Fenstern.
Ein Schatten – dann trifft mich eine Tasche an Kopf und Schulter.
„Was haben Sie hier zu suchen? Sie Spanner! Weg von den Kindern! Weg hier!“
Bevor die ältere Frau ein zweites Mal mit ihrer Handtasche ausholt, mache ich einen Schritt zur Seite.
„Nicht. Ich möchte nichts von den Kindern. Hier war mal eine Schule. Die wollte ich mir nur ansehen. Aber sie ist nicht mehr da.“
„Junger Mann, das ist aber schon lange her. Die wurde im Dritten Reich zerbombt. Da sind Sie jetzt etwas zu spät dran.“
Immerhin – sie verzichtet auf einen weiteren Schlag.
„Ich kannte mal jemanden, der noch zu dieser Schule gegangen ist“, sage ich. „Deshalb bin ich hier.“
„Wissen Sie – es gibt so viel Gesindel neuerdings“, entgegnet sie.
Sie entschuldigt sich nicht. Sie geht einfach weiter. Ich sehe ihr nach, bis sie in einem Hofeingang verschwindet.
