Es gibt im deutschen Rechtsstaat offenbar zwei Arten von Geschwindigkeit.
Bei schweren Straftaten arbeitet er oft langsam, überlastet und verspätet. Bei kleinen Geldschulden dagegen entwickelt er plötzlich erstaunliche Effizienz. Dann stocken nicht die Akten, sondern der Zugriff funktioniert reibungslos.

Das ist keine humorige Pointe, sondern eine politische Schieflage. Wer wegen eines offenen Betrags von ein paar Hundert Euro nicht zahlen kann, erlebt den Staat oft durchaus agil, streng und vor allem unerbittlich. Wer dagegen bei schweren Delikten auf ein überlastetes Verfahren trifft, kann unter Umständen lange auf eine Konsequenz warten — oder erlebt sie gar nicht mehr, wenn Fristen reißen, Akten liegen bleiben oder Untersuchungshaft nicht rechtzeitig in ein Urteil mündet. Der Rechtsstaat wirkt dann oben langsam und unten hart.

Natürlich ist das nicht völlig überraschend. Der Staat reagiert dort am schnellsten, wo Verfahren vergleichsweise einfach zu bearbeiten sind. Kleine Geldstrafen lassen sich leichter vollstrecken als komplexe Ermittlungen gegen mutmaßliche Gewalt-, Betrugs- oder Sexualdelikte.

Nur – genau deshalb wirkt die Schieflage so bitter. Denn sie trifft nicht zuerst die Gefährlichen, sondern oft die sozial Schwachen — und lässt dort nach, wo Schutz eigentlich am dringendsten wäre.

Besonders unerquicklich ist dabei der Blick auf Ersatzfreiheitsstrafen. Offene Geldstrafen können für Betroffene existenziell belastend sein, keine Frage. Aber sie sind nicht dasselbe wie schwere, nicht rechtzeitig verfolgte Straftaten. Wer nicht zahlen kann, landet dennoch nicht selten im Vollzug, obwohl von ihm oder ihr keine akute Gefahr ausgeht. Hinzu kommt, dass solche kurzen Haftaufenthalte erhebliche Kosten verursachen, ohne die eigentlichen sozialen Probleme zu lösen.

Wer dagegen andere bedroht, belästigt, beraubt oder verletzt, kann nicht ganz selten straffrei entkommen und im schlimmsten Fall weitermachen, wenn Verfahren zu lange dauern oder Akten unbearbeitet liegen bleiben. Das bedeutet nicht, dass schwere Straftaten grundsätzlich ungeahndet blieben. Doch die zunehmenden Verzögerungen und Verfahrensprobleme erzeugen eine sichtbare Schieflage in der praktischen Wahrnehmung staatlicher Konsequenz.

Man kann das als Ausdruck struktureller Überforderung lesen. Die Justiz steht tatsächlich unter massivem Druck: zu wenig Personal, zu viele Verfahren, langsame Digitalisierung, hohe Arbeitsbelastung. All diese Erklärungen stimmen. Sie erklären jedoch vor allem die Mechanik — nicht die gesellschaftliche Wirkung.
Denn für die Betroffenen macht es einen erheblichen Unterschied, ob ein Staat zu spät kommt, weil Verfahren kollabieren, oder ob er besonders schnell dort durchgreift, wo Menschen ohnehin wenig Handlungsspielraum besitzen.

Genau hier beginnt das Problem über reine Justizorganisation hinauszugehen. Für viele Menschen entsteht der Eindruck, der Staat zeige Härte dort, wo Widerstand gering ist, und Schwäche dort, wo Konsequenz besonders wichtig wäre. Diese Wahrnehmung beschädigt langfristig das Vertrauen in die Gleichmäßigkeit des Rechtsstaats.

Der eigentliche Widerspruch liegt darin, dass derselbe Rechtsstaat in einem Bereich auf Verfahren, Fristen und Rechte pocht — völlig zu Recht — und im anderen Bereich gerade deshalb scheitert, weil er diese Prinzipien nicht mehr rechtzeitig durchsetzen kann. So entsteht ein System, das in der Theorie gerecht wirken soll, in der Praxis aber ausgerechnet dort rigoros bleibt, wo soziale Schwäche und Not sichtbar wird, und dort an Durchsetzungskraft verliert, wo Wiederholung, Schadensausweitung und Gefährdung drohen.

Das ist der Punkt, an dem die Sache riskant wird. Denn wenn schwere Straftaten nicht rechtzeitig verfolgt werden, geht es längst nicht mehr nur um organisatorische Peinlichkeiten oder überlastete Behörden. Wer nicht gestoppt wird, kann weitermachen. Bei manchen Delikten bedeutet das neue Opfer, neue Gewalt, neue Schäden und neue Angst.

Ein überlasteter Rechtsstaat ist nicht bloß ineffizient – er kann gefährlich werden, weil er Wiederholung ermöglicht.

Der Staat sollte sich also nicht nur fragen, wie er mehr Härte demonstrieren kann. Er sollte sich fragen, wo diese Härte tatsächlich landet.
Denn aktuell erleben wir einen Rechtsstaat zwischen Warteschleife und Holzhammer — langsam dort, wo Schutz dringend wäre, und erstaunlich entschlossen dort, wo Menschen ohnehin kaum ausweichen können.

Justiz unter Druck

  • Mehr als eine Million offene Strafverfahren: Ende 2025 lagen bei den Staatsanwaltschaften in Deutschland erstmals über 1.000.000 unerledigte Strafverfahren. Das entspricht einem Anstieg von rund 50 Prozent gegenüber Ende 2020.
  • Rund 5,5 Millionen neue Strafverfahren pro Jahr: 2025 gingen laut Deutschem Richterbund erneut rund 5,5 Millionen neue Strafverfahren bei den Staatsanwaltschaften ein.
  • 50 Entlassungen aus der Untersuchungshaft: 2025 wurden bundesweit 50 dringend Tatverdächtige aus der U-Haft entlassen, weil Verfahren zu lange dauerten und Fristen überschritten wurden.
  • Personalmangel: Bundesweit fehlen nach Angaben des Richterbundes rund 2.000 Staatsanwältinnen, Staatsanwälte, Strafrichterinnen und Strafrichter.
  • Ersatzfreiheitsstrafe bleibt Realität: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung dokumentiert weiterhin tausende Fälle in den Ländern; in Sachsen wurden 2024 allein 15.823 Tage Ersatzfreiheitsstrafe vollstreckt, in Baden-Württemberg mehr als 2.000 Fälle.
  • Bundesweite Vergleichszahlen fehlen: Eine einheitliche bundesweite Statistik zur Ersatzfreiheitsstrafe gibt es nach Angaben der BAG-S nicht; die Länderwerte müssen aus Einzelauskünften zusammengesetzt werden.