Roman: Der Veteran (Teil 8)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 17
Er fragt nicht. Weder, warum ich hier sitze. Noch, was ich hier mache. Er sieht mich nicht einmal an.
Manchmal trinkt er noch aus einer Schnapsflasche, still, wortlos, bis ihm vor Müdigkeit fast die Augen zufallen. Dann schiebt er sich seine Sachen unter den Kopf, deckt sich mit seiner schäbigen Decke und den Zeitungen zu – und schläft ein.
Immer auf der gleichen Bank.
Niemand schert sich. Kein Parkwächter kommt. Keine Tore werden geschlossen.
Im Grunde bin ich selbst ein Obdachloser, auch wenn wir nicht viel gemein haben. Ich habe ein Haus, aber es gehört mir nicht mehr. Ich habe eine Familie, aber sie kennt mich nicht.
Ich könnte bei Vera wohnen. Aber es fühlt sich falsch an.
Armut gab es damals auch. Menschen, die kein Zuhause hatten. Menschen, die in Baracken hausten. Menschen, die für ein bisschen Nahrung zu den Suppenküchen gingen. Magere Gestalten, gezeichnet von einem sinnlosen ersten Krieg.
Ich war etwa elf. Ich erinnere mich, weil meine Eltern nachts flüsterten – und Mama heimlich weinte.
Mein Bruder Lothar – größer, stiller – weinte manchmal in seinem Bett. Leise, für sich.
Eines Tages ging Vater nicht mehr zur Arbeit. Jedenfalls nicht regelmäßig. Wir merkten es, als unsere Suppe immer dünner wurde und die Brotstücke kleiner, die Mama uns dazu legte.
Mein Bruder konnte es nicht mehr ertragen. Eines Abends verkündete er uns, dass er nicht mehr zur Schule gehen werde. Er werde arbeiten gehen und uns helfen.
Mama war entsetzt. „Aber du wolltest doch Arzt werden? Mach das nicht.“
Aber Lothar ließ sich nicht davon abbringen. Er fand tatsächlich Arbeit. Eine schwere Arbeit. Auf dem Bau.
Ab da ging es uns wieder besser. Wir mussten nicht ausziehen. Uns blieben Notunterkunft und Suppenküche erspart.
Papa konnte irgendwann auch wieder etwas beitragen. Er fand manchmal tageweise Arbeit. Aber das war besser als nichts.
Szene 18
Was ist, wenn es mal regnet? Wohin dann?
In der Ferne steigt die Sonne in leuchtendem Orange über den Horizont.
Für heute dürfte meine Sorge wohl unbegründet sein. Der Himmel, über und über rot verfärbt, verspricht einen weiteren trockenen Sommertag.
Gestern Abend hat ein Mann seine Zeitung auf einer Bank zurückgelassen. Sie liegt noch immer dort. Meine Neugier ist nun doch stärker. Ich hole sie mir. Leise, damit der Obdachlose nicht erwacht.
„DIE ZEIT“ – steht da auf dem Titel. Nie gehört. Sie ist umfangreich, wesentlich dicker als Veras Zeitungen. Kein Wunder, dass der Leser gestern so lange mit seiner Lektüre beschäftigt war.
Was für seltsame Schlagzeilen:
„Höher, schneller, gefährlicher – Russland eskaliert den Drohnenkrieg“
Was um alles in der Welt ist ein „Drohnenkrieg“? Kämpfen die jetzt mit Wespen? Wirklich Sinn ergibt das nicht. Wie soll ich mich nur zurechtfinden? Ich verstehe so vieles nicht.
Selbst die alte Frau von gestern erzählte von „Video-Telefonie“. Ganz selbstverständlich. Das Normalste der Welt, sagt sie. Aber nichts ist normal.
Fliegen können diese Drohnen – sogar sehr hoch und sehr weit, wie ich lese –, und sie werden als Waffen eingesetzt. Gefährliche Waffen. Vorstellen kann ich sie mir trotzdem nicht.
Wir hatten auch Flieger. Gefährliche. Sie warfen ihre Bomben nicht nur auf Soldaten, sondern zerbombten Häuser, Städte und Brücken. Man schoss auf Zivilisten aus diesen Fliegern. Regelrechte Jagden wurden da veranstaltet.
Und ich musste berichten. Hautnah miterleben. Mir gefriert das Blut. Noch immer.
„Wie die AfD an die Macht kommen will“
Weiter: „Die AfD skizziert in einem Strategiepapier, wie sie den Weg ins Kanzleramt ebnen will“.
Unwillkürlich überzieht mich ein Schauer. Auch ohne, dass ich viel über diese AfD weiß. In Veras Politikseiten ist sie mir schon begegnet.
Wird hier eine neue NSDAP geboren? Sie hat uns damals in diesen unmenschlichen Krieg gedrängt. Sie hat unendliches Leid zu verantworten. Und ich mit.
Zu Beginn war ich selbst noch begeistert, aber später … es gab kein Zurück mehr.
Wie konnten wir so eine Partei wählen? Wie nur?
Einen Moment lang fühlt es sich an, als sei die Zeit stehengeblieben.
Ich lege die Zeitung beiseite. Den Artikel über eine geplatzte Richterwahl und um eine Koalitionskrise lese ich später.
Szene 19
Sirenengeheul. Schrill.
Ich zucke zusammen.
Automatisch springe ich unter die Bank. Ich drücke mich flach auf den Boden. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Mein Herz klopft. Überlaut.
Nichts passiert.
Keine Flieger. Keine dieser Drohnen. Keine Bomben. Kein Gerenne. Kein Geschrei.
Der Park liegt wieder so ruhig wie eh und je.
Einen Moment hatte ich vergessen, dass wir nicht mehr im Krieg sind.
Öffentliche Luftwarnungen sind also geblieben. Warum?
