Roman: Der Veteran (Teil 18)
Zur Beitragsübersicht
von Clara Sternfeld
KAPITEL II
Szene 40
Meine neue Welt ist sehr klein. Wenn man von der Fahrt zur Klimakundgebung absieht, erstreckt sie sich über mein Stadtviertel, die Altstadt, und vielleicht noch ein Stück Industriegebiet. Mehr nicht.
Trotzdem war ich häufig unterwegs. Ich wollte meine Familie kennenlernen, wenn auch nur aus der Ferne. Ich weiß nun, wie sie alle aussehen. Wenn ich abends auf meiner Bank die Augen schließe, kann ich noch immer die Freude darüber fühlen.
Wer hat schon das Glück, einen Blick auf seine Nachwelt zu werfen?
Dennoch war ich die letzten Tage für mich allein. Ich wollte das so.
Mit diesen Gedanken spaziere ich am Flussufer entlang, hinaus aus der Stadt. Das Wasser plätschert beruhigend.
Zu meiner Rechten reihen sich Äcker an Weiden und Streuobstwiesen, durchzogen von staubtrockenen Wegen. Obwohl wir erst in der zweiten Julihälfte sind, ist das Korn bereits überwiegend geerntet. Heu liegt in riesigen Rollen auf den Feldern und wartet auf den Abtransport. Ich sehe geschäftige Menschen und gigantische Traktoren über leere Felder kreisen. Über all dem flimmert Hitze.
Aber wo sind die Schmetterlinge? Die Bachstelzen? Die tollenden Hasen? Die Schwalben? Die Bienen?
Menschen und Maschinen, aber kein Flattern, kein Summen, kein Brummen und kaum ein Zwitschern. Im Park gibt es mehr Leben als hier.
Ich drehe mich in alle Richtungen. Es ändert nichts.
Ich muss an Leonie und ihre Klimafreunde denken. Meinen sie das? Meinen sie genau das hier?
Ich muss aufhören, meine Familie nur heimlich zu beobachten und ihr ansonsten aus dem Weg zu gehen. Vor allem Leonie. Vielleicht kann ich sie unterstützen – wenigstens mit meiner Vergangenheit.
Bedrückt trete ich den Rückweg an.
Szene 41
Es scheint schlimmer zu sein, als ich dachte.
Heute Morgen habe ich – wie immer nach den Wochenenden – die zurückgelassenen Zeitungen im Park eingesammelt. ‚DIE ZEIT‘ ist auch wieder dabei und noch zwei andere. Manche Überschriften verstehe ich immer noch nicht – aber einige andere schon.
„Nie wieder still!“ steht da auf der ersten Seite. Ich kann meine Augen fast nicht davon lösen. Der Satz hallt durch meinen Kopf.
Nein, nie wieder still. Sagen, was gesagt werden muss. Heute würde ich es anders machen. Ich bin mir sicher. Ich wäre nicht mehr still.
Ich setze mich auf die Bank, falte die Zeitung auf meinen Schenkeln glatt.
Am Samstag gab es in Berlin eine CSD-Parade. Dass Paraden nicht unbedingt Militär bedeuten, weiß ich nun schon. Ich lese alle Artikel dazu, blättere zwischen den Zeitungen hin und her.
Aber politisch war das schon. Eine Demonstration also. Es ging um Sichtbarkeit, Gleichberechtigung, Schutz vor Gewalt und den Erhalt queerer Einrichtungen.
Die Zeitung muss sich verschrieben haben. Quer schreibt man nur mit einem „e“. Aber was ist eine quere Einrichtung? Obwohl – das müssen Treffpunkte sein.
Homosexuelle Menschen laufen bunt gekleidet durch Berlin. Einfach so. Wenn es stimmt, was die Polizei sagt, waren das mehrere Hunderttausend Menschen.
Ich lehne mich zurück, lasse die Zeitung auf die Knie sinken. Hunderttausende. Einfach so.
In meiner Jugend gab es auch mal eine Phase, in der man sie öffentlich sehen konnte. Zumindest in den großen Städten. Sie hatten Lokale, Vereine und eigene Zeitschriften. Die Freundin und Frauenliebe. An diese Namen erinnere ich mich noch.
Bei Männern war das schwieriger. Bestimmte Dinge waren verboten. Was genau darunter fiel, weiß ich nicht mehr. Aber dass sie dafür ins Gefängnis kommen konnten, schon.
Und heute streiten sie sich. Frauen und Männer im Parlament. Die Bundestagspräsidentin heißt Julia Klöckner. Anscheinend hat sie entschieden, dass für diese Parade keine Regenbogenflagge auf dem Reichstagsgebäude gehisst wird. Das führte zu Geschrei und Aufregung.
Ich blättere durch die Seiten und suche vergeblich nach einem Foto von so einer Flagge mit einem Regenbogen.
Ärger gab es wohl auch um Anstecknadeln. Diese Klöckner will keine politischen Symbole – wo genau nicht, irgendein Saal … ich muss noch einmal nachschlagen. Plenarsaal steht da.
Ich tippe mit dem Finger auf das Wort.
So ähnlich fing das bei uns auch an.
Ab 1933, meine ich. Beschwören kann ich es nicht. Lokale wurden geschlossen, Zeitschriften verboten, Vereine zerschlagen. Menschen, die man vorher noch gesehen hatte, verschwanden aus dem öffentlichen Leben.
Dabei blieb es nicht.
Die Gestapo sammelte Namen. Adressen. Wer mit wem verkehrte. Männer wurden verhaftet, kamen in Gefängnisse und Konzentrationslager. Viele wurden ermordet.
Auch die Frauen mussten sich vorsehen. Ihre Treffpunkte verschwanden ebenfalls. Nachbarn konnten reden, Kollegen, die eigene Familie. Manche wurden eingesperrt. Kommilitionen erzählten auch von Frauen, die in psychatrische Anstalten gesteckt wurden. Was ihnen jeweils vorgeworfen wurde, wusste man oft nicht. Man hörte so vieles hinter vorgehaltener Hand.
Irgendwann war da nur noch Angst.
Ich atme tief ein.
Und nun? Geht es wieder los?
Ich lese noch einmal den Namen dieser Frau. Klöckner. CDU. Konservativ, steht da.
Die Partei kenne ich von früher nicht. Aber Konservative, die den Nationalsozialisten den Weg bereiteten, kenne ich sehr wohl. Franz von Papen. Hindenburg, Alfred Hugenberg und die deutschnationale DNVP. Sie glaubten, Hitler kontrollieren und für ihre Zwecke benutzen zu können.
Natürlich hatte Hitler seine Anhänger. Millionen sogar. Aber die Männer, die ihm die Macht in die Hände legten, saßen schon oben.
Ich stehe auf und stopfe die ganzen Zeitungen in einen der Papierkörbe neben den Bänken. Das Papier knistert, als ich sie hineindrücke. Ich möchte sie nicht mehr haben.
Aus dem Kopf bekomme ich die Bilder trotzdem nicht.
So viele folgten. Andere schwiegen. Ich auch.
Ich sehe in den angegrauten Himmel. Ein erster Tropfen landet auf meiner Wange. Besser, ich gehe heute Nacht in die Kapelle.
