Roman: Der Veteran (Teil 17)
Zur Beitragsübersicht
von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 38
Ich wünschte, ich hätte damals so viel Mut gehabt, so viel Kraft, hinzustehen und den Politikern den Spiegel vorzuhalten. Einfach klipp und klar meine Meinung zu sagen.
Damals, als es noch nicht zu spät war. Als die NSDAP noch vor den Wahlen stand. Eine Mehrheit wollte sie nicht.
Wären sie doch alle aufgestanden. Ein paar haben gewarnt – aber die meisten, wir eingeschlossen, haben geschwiegen.
Obwohl wir geahnt haben, dass es mit all den Versprechen und den Hoffnungen, die sie geschürt haben, nicht weit her sein konnte. Und auch, wie sie schon vorher gehetzt hatten. Das hatten wir sehr wohl gesehen. Und vieles andere auch – viele haben sogar mitgeschrien und mitgehetzt.
Ich wünschte, ich wäre mutiger gewesen.
Ich sehe die Bäume vorbeihuschen, Wiesen, Felder, Häuser. Weit kann es nicht mehr sein bis zu Veras Haus. Auch Vera schweigt. Sie sieht ernst aus und lenkt ihr Auto längst nicht so rasant wie auf der Hinfahrt.
Später konnte man nicht mehr sprechen. Wer den Mund aufmachte – verschwand. Für immer.
Also vorher, solange es noch ging. Solange es noch nicht zu spät war.
Wir biegen in Veras Einfahrt. Sie parkt vor der Garage und spricht in meine Richtung: „Du gibst mir wirklich Rätsel auf, Jakob. Und ich weiß nicht, warum ich dir vertraue. Aber irgendwann wirst du mir erzählen müssen, was hier eigentlich los ist. Und ich möchte auch wissen, weshalb Leonie so seltsam war, als sie dich gesehen hat.“
„Danke, Vera. Danke für dein Vertrauen. Und irgendwann – vielleicht – erzähle ich dir alles. Gib mir nur etwas Zeit. Aber weshalb Leonie so seltsam war, weiß ich auch nicht.“
Wir steigen aus und Vera drückt wieder nur auf ihren Schlüssel.
„Bis bald“, sagt sie – ein bisschen distanzierter als sonst – und macht sich auf den Weg ins Haus.
„Bis bald, Vera. Danke!“
Szene 39
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Helga zu besuchen und ihr von den neuesten Ereignissen zu erzählen. Aber ich kann nicht.
Ich sitze wie angewurzelt auf meiner Bank im Park. Tränen rinnen mir über das Gesicht, tropfen von meinem Kinn auf das gestreifte Hemd.
Entsetzen erschüttert mich. Verzweiflung, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit – und Trauer.
Trauer über mein verlorenes Leben.
Heute kann mich nicht einmal die Entenfamilie retten. Nicht das Sprudeln des Flusses. Nicht die Farben des Abendhimmels.
Ich hatte am Nachmittag in den Zeitungen geblättert. Bin auf einen Artikel gestoßen. Einen über Juden. Dass Deutschland an der Seite Israels steht – und zugleich nicht weiß, wie es mit Israels Massakern an der palästinensischen Bevölkerung umgehen soll. Niemand, heißt es, könne von uns verlangen, Israel im Stich zu lassen. Gleichzeitig verhungern im Gazastreifen Menschen. Ich weiß nicht genau, wo Gaza ist. Oder Israel. Aber was geschieht da?
Warum schreibt eine deutsche Zeitung, dass Deutschland zusieht, wie Hungernde sterben? Warum heißt es, Deutschland sei feige?
Was ist das für ein Krieg, in dem ein Volk hungert – und niemand eingreift?
Ein paar Seiten weiter: „Steigender Antisemitismus beunruhigt die jüdische Gemeinde.“
Werden sie schon wieder bedroht – oder immer noch?
Ich erinnere mich an unsere Schuld. An das, was wir nicht getan haben.
Damals, als Studenten diskutierten wir unter vorgehaltener Hand über die Schutzhaft.
Wir wussten, dass Menschen abgeholt wurden – aus unserer Nachbarschaft. Menschen, die dem Regime unbequem waren.
Anfangs kamen manche zurück. Sie erzählten leise von Schlägen, von Demütigung und Folter.
Später kamen nur noch Briefe. Und irgendwann: nichts mehr.
Regimegegner, Kommunisten, Sozialisten – sie standen auf den Listen.
Und Juden. Vor allem Juden.
Auch Homosexuelle, Sinti und Roma, Obdachlose, Behinderte, Priester, Jehovas Zeugen.
In jeder Straße wurde jemand abgeholt. Jeder kannte jemanden.
Und irgendwann hörte auch das Flüstern auf.
Die Angst vor Denunziation fraß sich in alles.
Wir wollten glauben, dass es nicht so schlimm sei.
Wir wollten es glauben.
Irgendwann wollten wir nicht mehr hinsehen. Nicht mehr wissen.
Wenn es stimmt, was heute in der Zeitung steht – dann hat sich nichts verändert.
Und dieses Ausmaß hatten wir uns damals nicht vorgestellt.
Nein. Das nicht.
Es ist dunkel geworden. Der Mond steht über dem Fluss und wirft sein Licht auf das Wasser.
Meine Tränen sind versiegt. Ich habe keine mehr.
Ich sehe mich um. Niemand hier.
Langsam ziehe ich mich aus und lege meine Kleidung ordentlich auf die Bank.
Und springe in den Fluss. Wie kühl sich das anfühlt.
Und wie sauber.
