von Clara Sternfeld

KAPITEL I

Szene 25

Die Polizei dachte wohl, ich kenne seinen Namen.
Und jetzt? Suche ich eine Polizeistation – oder wende ich mich noch einmal an Vera?
Bei Vera müsste ich zu viel erklären. Also Polizei. Nur: Wo ist sie?
Seit mein Platz im Park gesperrt ist, laufe ich viel durch die Stadt. Eine Polizeiwache habe ich bislang nicht gesehen.
Die Eisdiele! Bei dieser Hitze sind dort um diese Zeit immer Leute. Bestimmt kann mir jemand helfen.
Und tatsächlich: Drei junge Kellner hinter der Theke – freundlich, mit müden Augen – wissen alle Bescheid und versuchen mir den Weg zu erklären. Es hapert ein bisschen mit dem Deutsch, also malen sie mir schließlich eine kleine Skizze auf einen Bestellzettel und zeigen in die Richtung, in die ich gehen soll.
Nette Leute. Aber es wäre hilfreich, wenn wir dieselbe Sprache sprächen.

Szene 26

Die Polizeistation befindet sich im Industriegebiet. Ein grauer Betonkasten mit vielen Fenstern. Davor eine Reihe Polizeiwagen. Sonst: Stille.
Im Innern sitzt ein Mann hinter einer Glasscheibe mit einem kleinen Loch. Um durch das Loch sprechen zu können, muss ich mich etwas bücken.
„Ich würde gerne den Mann besuchen, der im Park angezündet wurde, aber ich kenne seinen Namen nicht. Wären Sie bitte so freundlich?“
Der Mann sieht nur kurz hoch: „Können Sie sich ausweisen?“
Schon wieder. „Nein, aber …“
„Dann kann ich Ihnen keine Auskunft geben.“ Er klingt leicht unwirsch.
„Ich war dabei, als es passierte. Ich möchte nur wissen, wie es ihm geht.“
„Auch dann nicht.“
„Ihr Kollege sagte doch, ich könne ihn besuchen.“
„Hören Sie, ich kann Ihnen keine Auskunft geben. Guten Tag!“
Und nun?
Draußen bleibe ich auf dem Treppenabsatz stehen. Doch zu Vera? Oder aufgeben?
Nein – aufgeben nicht.
„Er heißt Richard. Richard Hoffner. Er liegt im dritten Stock, Zimmer 304.“ Neben mir steht der Polizist aus jener Nacht. „Der Pförtner hat mich informiert. Er sagte, Sie wären hier. Herr Hoffner wird sich sicher freuen, wenn sie ihn besuchen kommen.
Dankbar schüttle ich ihm die Hand.

Szene 27

Er hat graue, ehrliche Augen, dieser Richard Hoffner. Und er hat mich sofort erkannt. Erstaunt merke ich, dass er mich sehr viel deutlicher wahrgenommen haben muss als ich ihn. Und das, obwohl er abends nicht nüchtern war.
Seine Beine sind bis obenhin mit verschiedenen Lagen Tüchern bedeckt. Er bemerkt meinen Blick. „Ich bekomme starke Schmerzmittel und nachts etwas zum Schlafen.“
Er greift nach meiner Hand und sagt schlicht: „Danke!“
Ich nicke ihm zu. Keine Ahnung, was ich sagen soll. Alles, was ich sagen könnte, käme mir wie eine Plattitüde vor – bei dem, was er erlebt hat.
„Ich werde wieder, sagen die Ärzte und ein paar verhunzte Beine machen den Kohl auch nicht mehr fett. Du bist noch nicht lange in der Stadt, oder? Ich habe dich vorher noch nie hier gesehen. Ich bin schon immer hier. Früher und jetzt immer noch. Ich war noch nie woanders.“
„Weiß man schon, wer das gemacht hat?“, frage ich ihn.
„Ich glaube nicht, das hätte mir die Polizei bestimmt gesagt.“
Eine stille Vertrautheit lag plötzlich zwischen uns. Als hätten wir uns schon oft getroffen.
Deshalb: „Ich bin Jakob. Sagen wir „du“?“
Er nickt erfreut: „Ich bin Richard. Manche sagen Richy zu mir, aber …“
„Ich werde dich Richard nennen. Wie lange musst du hier bleiben? Wird das nicht zu teuer?“
„Nein, ich bin krankenversichert.“
„Krankenversichert?“ Das klingt für mich wie aus einer anderen Welt.
„Ja“, fährt er fort, ohne mein verdutztes Gesicht zu beachten. „Das war nicht immer so. Viele Jahre hatte ich keine. Es ist seit einigen Jahren Pflicht in Deutschland. Ich muss mir jetzt keine Gedanken machen. Ich weiß noch nicht, wie lange ich bleiben muss.“
Er hat sehr schmale Hände. Wie meine. Überhaupt sieht er ordentlich aus. Er muss einmal sehr attraktiv gewesen sein. Wieso landet so jemand auf der Straße?
„Könntest du mir einen Gefallen tun, Jakob?“
„Wenn ich kann. Gerne.“
„Könntest du zu meinem Schließfach am Bahnhof gehen und mir frische Kleidung und ein bisschen Bargeld bringen?“
Er versucht zu lachen, als er mein verdattertes Gesicht sieht, aber der Schmerz überlagert alles.
„Am Bahnhof sind abschließbare nummerierte Fächer. Eines davon habe ich gemietet. Ich habe meine Sachen dort deponiert.“
„Hast du keine Angst? Ich könnte dich bestehlen?“
„Nein!“
Er zieht einen kleinen Schlüssel aus seiner Nachttischschublade und gibt ihn mir: „727 ist die Fachnummer.“
„Heute ist es bereits zu spät. Ich komme morgen wieder und bringe dir ein paar Sachen.“
Er lächelt mir zu: „Wo schläfst du denn jetzt?“
„In einer kleinen Kapelle. Ich kenne sie noch von früher …“ Erschrocken halte ich inne.
„Eine Kapelle? Die du kanntest? Interessant.“
„Bis morgen!“, beeile ich mich zu sagen, damit er nicht weiterfragt und mache mich auf den Weg.