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Es war einmal, vor langer, langer Zeit – im Mittelalter. So fangen doch gute Geschichten an, oder? Dann hoffen wir mal, dass dies hier auch eine gute Geschichte wird. Das Mittelalter erlebt ja momentan eine Renaissance (Obacht, Historikerwitz!), also fangen wir doch einfach mal mit der Frage an: warum leben wir eigentlich nicht mehr im Mittelalter?

Nun, es gibt darauf vermutlich viele Antworten – die „offizielle“ wäre – jemand hat es so entschieden, aber nicht einfach so – man hat sich die Zeit schon etwas genauer angeschaut und festgestellt – an diesem einem Punkt (oder kurz davor bzw. danach) in der Geschichte sind so viele und so signifikante Ereignisse passiert, dass die Welt anschließend einfach nicht mehr so war, wie davor. Im Falle des Mittelalters war diese entscheidende Zeit am Ende des 15 Jahrhunderts. Was war denn da passiert? Nun – erstens – im späteren Deutschland wurde gegen 1450 der Buchdruck erfunden. Sagt man so – stimmt aber nicht – eigentlich wurden nur die bewegliche Lettern erfunden – das Drucken kannte man in Europa und anderswo schon vorher. Und an sich wurde ein ähnliches Verfahren in China schon im 11 Jahrhundert entwickelt, allerdings war China weit weg und hat sich damals nicht beschwert.

Zweitens – Amerika wurde im Jahre 1492 entdeckt. Sagt man so – stimmt aber auch nicht wirklich – Kolumbus hat den Doppel-Kontinent wahrscheinlich noch nicht einmal aus der Ferne gesehen – entdeckt hat er ein paar Inseln in der Karibik, unter anderem wohl Hispaniola – heute sind eher die Staaten bekannt, die sich die Insel teilen – zum einen Haiti, zum anderen Dominikanische Republik. Von daher, wenn überhaupt, dann hat Kolumbus die „neue Welt“ entdeckt, was wiederum auch nicht stimmt, weil es die Norweger im 10 Jahrhundert bereits geschafft haben. Aber diese Norweger waren schon tot und haben sich ebenfalls nicht beschwert. Und die Bauern der alten Welt frohlockten und jauchzten – ok, das stimmt vermutlich nur teilweise, aber einige taten es wohl und mit der Zeit wurde daraus doch noch ein richtiges Fest mit dem besonders wohlklingenden Namen „Dia de la Raza“ – sprich, „Tag der Rasse“. Fühlen Sie sich etwas unwohl bei dem Namen? Da haben Sie wohl recht – selbst Francisco Franco fand den Namen bedenklich und änderte ihn kurzerhand in „Dia de la Hispanidad“ – geht ja auch viel leichter von der Zunge.

Und drittens – und das ist ja auch ein Grund, warum Kolumbus so entspannt von Andalusien lossegeln und am Strand der DomRep Cocktails schlürfen und als gebürtiger Italiener seinen spanischen „Dia de la Raza“ feiern konnte – ein paar Monate zuvor haben die vereinten Kräfte von Aragon (ohne „r“ – bleibt bei der Sache, Leute, wir sind noch immer in Spanien und nicht bei Tolkiens unterm Sofa) und Kastilien die Mohren bei Granada geschlagen und damit die bereits Jahrhunderte andauernde Reconquista (euphemistisch für „ethnische Säuberung“ – na gut, eigentlich „Wiedereroberung“) der Halbinsel abgeschlossen. Und auch dieses Ereignis wurde ausgiebig gefeiert – mit Wein, Weib, Hinrichtungen, Deportationen, Zwangstaufen und und und – ihr hättet einfach dabei sein sollen. Es war die Party des Jahrhunderts – und bis heute wird an diesem Tag in vielen Regionen Spaniens das „Moros y Cristianos“ Fest begangen.

Aus heutiger Sicht würde man vermutlich die Entdeckung Amerikas vor dem Buchdruck als das einschneidenste Ereignis bewerten, wenn man sich die Konsequenzen für die heutige Zeit anschaut. Aus der Sicht eines Zeitzeugen wäre die Bewertung vermutlich eine andere – Bücher waren damals auch mit dem Buchdruck unbezahlbar – und lesen konnten auch nur die wenigsten, von daher hätte man dem Buchdruck gewiss keine allzu große Bedeutung beigemessen. Die paar Inseln in der Karibik waren damals auch noch nicht so beeindruckend – es dauerte einige Zeit, bis man die Urbevölkerung beseitigt, Millionen von Sklaven hingeschickt und Rum und Baumwolle geerntet hat. Also – noch war das kein Hauptgewinn. Bleibt also die Rückeroberung Spaniens – das war doch mal etwas greifbares und hatte den religiösnationalistischen Tendenzen in Europa richtig Auftrieb gegeben. Schließlich waren die letzten Begegnungen mit Mohren und Konsorten nicht unbedingt etwas für den Trophäenschrank. Und man hat zwar nolens-volens akzeptiert, dass die mohrischen Gastarbeiter nach Spanien kamen und auch so Städtchen wie Granada und Sevilla richtig schick ausgebaut haben, aber mit 800 Jahren erzwungener Gastfreundschaft hat man irgendwie nicht gerechnet – und war dann am Ende froh, sie vor die Gibral-Tür gesetzt zu haben. Von daher könnte man durchaus sagen, dass es den Mohren zu verdanken ist, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben.

Und da wir gerade, typisch europäisch, den Mohren die Schuld zugeschustert haben, sollten wir uns doch einfach mal fragen – wer sind/waren diese Mohren, deren Vertreibung uns die allgegenwärtige Mittelaltermärkte mit dem völlig unmittelalterlichen Nippes geschenkt hat. Nun – die Antwort ist – „alle möglichen Nicht- Europäer, in der Regel Moslems, primär Nafris (wie es im modernen Polizeisprech so heißt – man meint hiermit die Nordafrikaner – Menschen, die aus dem Maghreb und Ägypten stammen bzw. deren Nachfahren)“. Auch da war man europäisch einig – es wäre viel zu mühsam, sich rassistische Bezeichnungen für jedes einzelne Volk auszudenken, also hat man sie kurzerhand schubladisiert. In dieser Hinsicht war der „Mohr“ sozusagen der geistige Vater von „Colored“ im späteren Amerika – alles, was nicht kreidebleich war, könnte irgendwann mal versumpfen – ähm, ver-Mohr-en…

Aber wenden wir uns doch dem Mohr im engeren Sinne zu – dass Nordafrikaner auch mal im Spanien vorbeischauten ist jetzt keine große Überraschung, bei 14km Entfernung. Selbst im Rahmen des Mittelalter-Triathlons – Rudern, Fechten, Saufen – wäre die Strecke eher als Kurzdistanz einzuordnen. Die spannendere Frage ist allerdings eine andere – als die Kollegen damals in Spanien angeklopft haben, so kurz nach 700 unserer Zeitrechnung, hatten sie sich bereits den islamischen Staat auf die Fahnen geschrieben. Ok, nicht DEN Islamischen Staat, aber zumindest einen islamischen Staat. Da wäre doch die Frage angebracht – wie kam es denn dazu, denn Islam als Konzept ist überhaupt nur etwa 80 Jahre zuvor in über 4000 km Entfernung entstanden – das ist die Entfernung von Spanien bis zum Ural – fast schon die Gesamtbreite Europas oder die anderthalbfache der diesjährigen „Tour de France“-Strecke. Und der Kollege mit dem Autobahnbau war zu der Zeit selbst noch nicht gebaut. Von daher war es prinzipiell schon eine ganz beachtliche Leistung, die die Araber damals im Zuge der sogenannten „Islamischen Expansion“ vollbracht haben.

Denn schon zu Mohammeds Lebzeiten hat man sich die Arabische Halbinsel einverleibt – anschließend gings etwas schneller – mit einem durchschnittlichen Verbrauch von einem Umayyaden-Anführer auf etwa 2000 km Ausdehnung. Dabei haben sich die Araber tatsächlich an den Römern orientiert – etwas, was dem einen oder anderen späteren Eroberer abhanden kam – man hat nicht einfach alle Religionen und Kulturen der eroberten Völker ausgerottet, sondern erst einmal akzeptiert, so dass die Menschen nach und nach die Vorteile des Islams erleben konnten und dann das Team wechselten. Dauert etwas länger, ist aber am Ende deutlich effizienter, was die menschlichen Ressourcen angeht.

Und so war es am Ende eine recht bunte Truppe, die dann im heutigen Spanien landete und sich mit den ehemaligen ukrainisch-deutschen Oligarchen anlegten. In der offiziellen Geschichtsschreibung sind die letzteren gemeinhin als Visigothen oder Westgoten bekannt, auch wenn ich meine Bezeichnung treffender finde. Schließlich auch wenn man den westgotischen Ursprung woanders vermutet (nämlich im späteren Ostpreußen – ist verwirrend, verstehe ich – ist wahrscheinlich so ähnlich wie bei Ost-Westfalen, da blickt auch kein Mensch durch, wo das sein soll), so lautet ihre durch römische Quellen nachgewiesene Geschichte, dass sie vom Schwarzen Meer (Teile der heutigen Westukraine, Moldau, Rumänien und Bulgarien) ins Römische Reich eingedrungen sind und dass deren „Staatsform“ tatsächlich eine Oligarchie (mehrere Clans mit jeweiligen Anführern) war. Von daher, wenn ihr mal beim nächsten Malle-Urlaub erleben solltet, wie sich Osteuropäer mit Nordafrikanern um die besten Plätze prügeln, dann sind es keine Asoziale – es sind höchstwahrscheinlich Experimental-Archäologen, die vermutlich die Schlacht am Rio Guadalete von 711 (das Jahr, nicht die amerikanische Einzelhandelskette) nachspielen.

Fortsetzung folgt …