Sehr geehrter Herr Putin,

wenn Sie meinen Brief lesen könnten, wären Sie vermutlich überrascht.
Denn ich wäre – rein theoretisch – auch gerne Diktatorin. Oder Königin. Oder, falls Ihnen das besser gefiele, Zarin.
Aber nicht, um mein eigenes Volk auszubeuten, zu belügen, zu manipulieren oder zu unterdrücken. Und ganz sicher nicht, um ein anderes Land zu überfallen und es mir einzuverleiben. Nein, ganz sicher nicht.
Eine solche Machtstellung würde ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, um genau das Gegenteil zu tun:
Ich könnte alles in meiner Macht Stehende unternehmen, damit es den Menschen in meinem Land wirklich gut ginge.

Oh, falls Sie glauben sollten, ich hielte den Westen für das gelobte Land, muss ich Sie enttäuschen. Nein – hier ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Viele unserer Politikerinnen und Politiker sind bestenfalls zweite Wahl, oft fehlt es an Rückgrat und Charakter. Und wenn ich mir die Wirtschaft ansehe … Sie ahnen es vermutlich bereits: Der Profit steht an erster Stelle, Humanität und Gerechtigkeit bleiben allzu oft auf der Strecke.
Das dürfte Ihnen und Ihren Freunden nicht völlig unbekannt vorkommen. Oder irre ich mich?

Das Problem ist nur: Ein solches System führt zwangsläufig zu massiven sozialen Verwerfungen.
Als Diktatorin würde ich genau dort ansetzen. Denn was hätte ich – oder irgendein Herrscher – davon, wenn ein kleiner Teil der Bevölkerung in Saus und Braus lebt, dekadent und maßlos, während andere eingeschüchtert und voller Angst durchs Leben gehen müssen und es einem großen Teil schlicht schlecht geht?

Ich hätte erhebliche Bedenken, dass mir die Ersteren schmeicheln würden, nur damit sich für sie nichts ändert, während sie mich im Grunde verachten.
Diejenigen, die sich fürchten, würden mich erst recht verachten.
Der mittellose Rest meines Volkes würde schweigen – und mich hassen.
Und wäre ich dann nicht irgendwann gezwungen, all jene zum Schweigen zu bringen, die nicht mehr schweigen wollen?
Nach meinem Plan wäre all das nicht notwendig. Denn es gäbe keinen Anlass für Verachtung oder Hass.

Wie wäre es, Herr Putin, wenn die Menschen Sie stattdessen lieben würden?
Stellen Sie sich das doch nur einmal vor. Wenn sich die Menschen darüber freuen würden, einen umsichtigen und guten Herrscher zu haben.
Ich für meinen Teil fände das großartig.

Im Grunde wäre genug für alle da.
Selbst wenn die einen etwas mehr hätten und die anderen etwas weniger, wenn es Vorgesetzte und Angestellte gäbe – niemand müsste in Not oder Bedrängnis leben. Unter meiner Herrschaft hätte jede und jeder sein Auskommen. Niemand käme auf die Idee, mich vom Thron stoßen zu wollen.

Ein solches System aufzubauen wäre anstrengend. Aber es würde sich auszahlen.
Vielleicht würden andere Länder voller Neid auf mein Reich blicken. Vielleicht würden sie sich mir sogar anschließen – freiwillig. Weil sie es wollen. Weil sie sehen, dass man auch mit anderen, guten Mitteln ans Ziel gelangen kann.
Begriffe wie „annektieren“ kämen in unserem Sprachgebrauch nicht mehr vor.

Vor Freude würde ich weinen, Herr Putin, wenn mein Volk mir am Ende ein großes Ehrendenkmal aus Bronze errichten und es vor dem Parlamentsgebäude aufstellen würde. Wie im alten Römischen Reich für die Imperatoren.
Wie wundervoll wäre es, nicht als grausame und unberechenbare Tyrannin, sondern als die humanste, erfolgreichste und angesehenste aller Diktatorinnen in die Geschichte einzugehen.
Wenn noch in tausend Jahren Schülerinnen und Schüler in ihren Schulbüchern von dieser besonderen Leistung lesen könnten.

Nun will ich ehrlich zu Ihnen sein, Herr Putin:
Leider bin ich nur ein unbedeutender Krümel unter unzähligen anderen unbedeutenden Krümeln. Mit meiner Karriere als absolute Herrscherin dürfte es also schwierig werden.

In einer Demokratie geht das ohnehin nicht so leicht. Die Chancen, mit derart hehren Zielen an die Macht zu gelangen, sind gering. Sehr bald würden mich Raffgierige und Egomanen zu Fall bringen und politisch vernichten.
Meine Pläne könnten nur funktionieren, wenn ich allein das Sagen hätte – und wenn es zugleich genügend Menschen in meinem Umfeld gäbe, die mich freiwillig unterstützen. Nicht aus Angst. Sondern, weil sie es wollen.

Warum nur verstehen so viele Diktatoren ihren Job derart falsch?
Macht bedeutet nicht Unterdrückung, sondern Verantwortung. Verantwortung für das eigene Volk. Eine riesige Aufgabe – der ich mich sehr gerne stellen würde.

Sie, Herr Putin, hätten diese Möglichkeit.
Sie haben die Macht. Und Sie leben in einem so großen, reichen und schönen Land, dass man es durchaus einmal mit einem anderen, ehrenvollen Regierungsstil versuchen könnte.
Sie könnten dem Westen zeigen, dass auch ein Alleinherrscher Gutes für die Menschen bewirken kann.

So fehlerhaft unsere Demokratie derzeit auch sein mag – es gibt etwas, das ich niemals missen möchte, Herr Putin:
Ich kann diesen Brief schreiben, ohne dafür ins Gefängnis geworfen, zu Tode geprügelt oder hinterrücks vergiftet zu werden.
Unsere beiden Vorstellungen von Diktatur driften inhaltlich allerdings weit auseinander.

Stellen Sie sich vor: In unserer westlichen Welt gibt es tatsächlich Menschen, die lautstark behaupten, sie lebten bereits in einer Diktatur. Auf der Straße. Im Netz. Mit erstaunlicher Vehemenz. Manche krakeelen schimpfend, drohend, aggressiv. Manche schrecken auch vor Gewalt nicht zurück.
Gerne würde ich einige von ihnen zu einem mehrmonatigen Praktikum als einfaches „Probe-Volk“ nach Russland schicken.

Was denken Sie – ließe sich das einrichten?

Mit Hochachtung

Dorena Gudamar