Eine Welt auf Augenhöhe – Teil 10

Wenn unser System versagt

MONA

Ein Fall in meiner Nähe – und er lässt mich erschüttert zurück.
„Mona“ heißt in Wirklichkeit anders – der Name wurde zum Schutz der Betroffenen geändert.

Mona hat ihren Traummann geheiratet. Einen schönen Mann. Charmant, erfolgreich. Ein Mann, auf den man neidisch sein könnte.
Sie ist glücklich. Dann kommt das erste Kind – und mit ihm: Unterdrückung, Erniedrigung, Schläge.
Auf jede Tat folgt eine Entschuldigung. Wieder und wieder. Und sie glaubt ihm. Sie will ihm glauben. Sie muss ihm glauben – denn sie ist abhängig. Vor allem finanziell.

Er kontrolliert sie, beschimpft sie, schlägt sie. Inmitten dieser Spirale aus Angst und Gewalt bringt sie ein zweites und ein drittes Kind zur Welt. Seine Übergriffe werden roher und machen auch vor den Kindern nicht halt. Ihre Familie ist ihr keine Stütze – und seine Familie Teil der Gewalt. Mona wird überwacht, kontrolliert, diffamiert. Man versucht sogar, die Kinder gegen sie zu instrumentalisieren.

Eines Tages geht er. Nicht sie. Und alle atmen auf. Was für ein Glück, denken wir. Erleichterung. Kurz flammt Hoffnung auf.
Mona sucht Hilfe.
Mona sucht rechtlichen Schutz, geht zum Anwalt, beantragt die Trennung. Doch ihr Mann droht ihr, die Kinder zu nehmen. Sie sei unfähig.
Der Weg in die Freiheit ist kein Weg. Es ist ein Labyrinth aus Formularen, Gutachten, Gutwilligkeit.
Die Richterin erwirkt ein Kontaktverbot – befristet. Sicherheit auf Zeit.
Die Verfügung gilt nur für ihn – nicht für seine Familie. Sie schikanieren sie, folgen ihr, reden schlecht über sie. Sie wird terrorisiert.

Dann die nächste Hiobsbotschaft: per Gerichtsbeschluss muss Mona mit den Kindern ausziehen – denn die Wohnung gehört ihm.
Eine Wohnung zu finden? Schon für Normalverdiener kaum möglich. Für eine alleinerziehende Mutter mit drei kleinen Kindern: aussichtslos.

Im Frauenhaus findet sie keinen Platz. Keine akute Gefahr, heißt es. Und es gibt ohnehin keinen Platz. Alles überfüllt.
In Deutschland steigt die Gewalt gegen Frauen und Kinder – trotz öffentlicher Debatten. Femizide nehmen zu. Das Thema gerät mehr ins Blickfeld – aber gehandelt wird kaum.
Oder doch – gehandelt wird: Von den Tätern – und die sind nicht nur „andere Kulturen“ – es sind genauso unsere eigenen Männer.

Monas Richterin befragt schließlich die Kinder. Auch sie berichten von Gewalt. Eine weitere Verfügung: Der Vater darf sie nur noch unter Aufsicht sehen.

Plötzlich: Richterwechsel. Grund unbekannt. Ein älterer Herr, konservativ. Er hebt alle Verfügungen auf – oder lässt sie einfach auslaufen. Keine Verlängerung.
Ein einziger Federstrich, und der Schutz ist dahin. Freie Fahrt für Täter!
Wen schützt dieses System eigentlich?
Wir sind fassungslos. Mona hat Angst.

Tag X rückt näher. Der Auszugstermin. Das Ende der ersten Verfügung. Mona versucht verzweifelt eine Wohnung zu finden.
Ihre Mutter kann sie nicht aufnehmen – kein Platz. Bekannte bieten ihr eine Wohnung an.
Die Vermieter wollen die schriftliche Garantie, dass das Jobcenter alles übernimmt.
Diese Bescheinigung gibt es nicht.
Es ist ein Mythos, dass die Jobcenter in Deutschland die volle Miete einfach übernehmen. Vielleicht in Einzelfällen. „Angemessene Kosten der Unterkunft“ heißt der Satz, der Menschen wie Mona im Stich lässt.
Und damit decken Jobcenter oft nur einen Teil der tatsächlichen Mietkosten. Den Rest müssen Betroffene vom ohnehin knappen Regelsatz zahlen – vom Geld, das für Essen, Kleidung und das Nötigste gedacht ist. Auch Strom und andere Kosten müssen selbst getragen werden.
Mona bekommt die Wohnung nicht.
Das Jobcenter sagt, sie solle „etwas Günstigeres“ finden.
Als gäbe es das.

Am Stichtag steht ihr Ehemann morgens – in aller Frühe – vor der Tür.
Er will zurück. „Seine Wohnung.“ Sein Recht.
Mona öffnet nicht.
Er stalkt sie.
Sie hat keine Chance auf eine neue Verfügung, keine Wohnung, kein Platz im Frauenhaus. Die Polizei kommt erst, wenn es zu spät ist.

Mona zerbricht.
Was folgt? Sein Wiedereinzug? Ein paar Wochen „heile Familie“? Traumatisierte Kinder, die einem Gewalttäter ausgeliefert sind?
Oder irgendwann – ein weiterer Femizid – einer von vielen in Deutschland?

Aber das Patriarchat steht wieder auf. Laut, wütend, mit alten Sprüchen und neuen Plattformen. Immer mehr Männer fordern „ihre Kontrolle“ zurück – laut, hasserfüllt, gewaltbereit.
Die Gewalt gegen Frauen steigt. Femizide steigen.
Täglich versucht eine Frau, einem gewalttätigen Partner zu entkommen. Und fast jeden Tag stirbt eine dabei.
Die Kinder dazwischen werden komplett übersehen.
Das Patriarchat lebt, während unser System versagt.

Aber Gewalt ist nicht stark. Gewalt ist feige.

Aktuelle Fakten (Stand 2025)

Gewalt gegen Frauen in Deutschland

  • Laut Bundeskriminalamt (BKA) wurden 2024 über 143.000 Fälle von Partnerschaftsgewalt registriert – ein Anstieg um rund 10 % gegenüber 2022.
  • Etwa 80 % der Betroffenen sind Frauen, und jede vierte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt durch den (Ex-)Partner.
  • 2024 wurden 152 Frauen durch aktuelle oder ehemalige Partner getötet – das sind fast drei Femizide pro Woche.
  • Fachverbände wie der Deutsche Frauenrat warnen vor einer „stillen Normalisierung“ häuslicher Gewalt und einem eklatanten Mangel an Schutzplätzen.

Frauenhäuser und Unterbringung

  • In Deutschland fehlen laut Bundesverband Frauenhäuser rund 14.000 Plätze.
  • Viele Einrichtungen sind ständig überbelegt; etwa ein Drittel aller Anfragen bleibt ohne Unterbringung.
  • Als „nicht akut gefährdet“ eingestufte Frauen werden besonders häufig abgewiesen – auch wenn von Stalking, psychischer Gewalt oder drohender Rückkehr des Täters berichtet wird.

Wohnungsnot und Jobcenter-Problematik

  • Die durchschnittliche Miete in deutschen Städten ist zwischen 2015 und 2025 um rund 40 % gestiegen.
  • Der sogenannte „angemessene Mietanteil“, den Jobcenter übernehmen, liegt oft deutlich unter den realen Mieten.
  • Singlemütter oder ALG-II-/Bürgergeld/Grundsicherungs-Beziehende finden dadurch kaum bezahlbaren Wohnraum, insbesondere in städtischen Regionen.
  • Viele Mütter müssen den Fehlbetrag aus dem Regelsatz zahlen – was häufig zu Verschuldung oder Obdachlosigkeit führt.

Justizielle Realität

  • 2023 führten laut Deutschem Juristinnenbund nur etwa 18 % der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt zu einer Verurteilung.
  • Hauptkritikpunkte: fehlende Schulung von Richter*innen und mangelnde Sensibilität für Macht- und Abhängigkeitsstrukturen in Paarbeziehungen.
  • Frauenrechtsorganisationen fordern seit Jahren eine gesetzliche Umsetzung der Istanbul-Konvention, insbesondere ausreichenden Schutzraum und schnellere Verfahren.

Quellen: