Eine Welt auf Augenhöhe – Teil 18
Zur Beitragsübersicht
Digitale Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit
Wer schweigt, wenn der Preis zu hoch wird?
Als Bärbel Bas über Hass, Beleidigungen, Morddrohungen und Vergewaltigungsfantasien sprach, klang darin mehr mit als die persönliche Belastung einer Politikerin. Es war der Satz einer Frau, die öffentlich sichtbar ist und sich trotzdem fragen muss, warum sie sich das überhaupt antut. Die Antwort, die Bas selbst gab, war schlicht: Den Gefallen wolle sie ihren Gegnern nicht tun. Doch genau in dieser Zumutung liegt das eigentliche Thema.
Denn die Frage reicht weit über eine einzelne Person hinaus. In einer Demokratie lebt die öffentliche Debatte davon, dass Menschen ihre Stimme erheben — Politikerinnen, Journalistinnen, Autorinnen, Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen, Kommunalpolitikerinnen. Sie widersprechen, kritisieren, erklären, gestalten. Doch für viele Frauen hat Sichtbarkeit inzwischen einen Preis, den Männer in dieser Form oft nicht zahlen.
Wo früher Widerspruch genügte, tritt heute nicht selten Einschüchterung an die Stelle der Auseinandersetzung
Ja, auch Männer sind von digitaler Gewalt betroffen. Doch Frauen werden in der öffentlichen Debatte, in Politik und Medien besonders häufig sexualisiert, herabgewürdigt und mit geschlechtsbezogenen Drohungen angegriffen. Bei ihnen zielt der Hass oft nicht nur auf die Person, sondern ausdrücklich auf ihr Frausein — und damit auf die Teilnahme von Frauen am öffentlichen Raum.
Öffentliche Sichtbarkeit hat einen Preis
Kritik ist in einer offenen Gesellschaft notwendig. Sie wird erst dort zum Problem, wo sie die Sachebene verlässt und in Drohung, sexualisierte Beschimpfung oder gezielte Einschüchterung umschlägt. Besonders Frauen erleben dabei Angriffe, die nicht nur ihre Position, sondern ihre Person, ihren Körper, ihr Geschlecht treffen. Sie werden sexualisiert, herabgewürdigt, auf ihr Aussehen reduziert oder mit Fantasien von Gewalt überzogen.
Das Ziel dieser Angriffe ist Rückzug.
Die sozialen Medien haben diese Entwicklung nicht erfunden. Neu sind vor allem Reichweite und Geschwindigkeit. Was früher in Leserbriefen, Kneipen oder Hinterzimmern blieb, zirkuliert heute binnen Minuten in Kommentarspalten, Chats und Netzwerken. Aus einzelner Verächtlichmachung wird ein dauernder Druck. Und aus Druck wird Schweigen und manchmal ernsthafte Angst.
Betroffen sind nicht nur Prominente
Besonders folgenreich ist das nicht nur für Politikerinnen und prominente Stimmen. Manche von ihnen haben wenigstens noch Personenschutz.
Betroffen sind aber auch diejenigen, deren Öffentlichkeit kleiner ist und deren Schutz oft geringer bis ganz ausfällt: Journalistinnen, Kommunalpolitikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen, Moderatorinnen.
Studien und Fachstellen zeigen, dass gerade Frauen im öffentlichen Raum und in der Politik überproportional Ziel von sexistischen und misogynen Angriffen im Netz werden.
Der gemeinsame Nenner ist meist nicht ihre Funktion, sondern ihre Sichtbarkeit. Wer sichtbar ist, wird angreifbar. Wer angreifbar ist, überlegt sich irgendwann, ob es das noch wert ist.
Genau das ist die eigentliche Funktion digitaler Gewalt: nicht nur zu verletzen, sondern Beteiligung zu verkleinern oder am besten verhindern.
Das Pseudonym ist im digitalen Raum längst doppeldeutig
Für die einen ist es die Tarnkappe für Feigheit und Aggression, für die anderen der letzte Schutz vor einer Öffentlichkeit, die zu oft nicht schützt.
Während sich manche hinter anonymen Nutzernamen verstecken, um Hass, Drohungen und Beleidigungen folgenlos abzusetzen, brauchen andere ein Pseudonym, um sich selbst, ihre Kinder oder ihre Familien vor genau diesem Hass zu schützen.
Wer Frauen im Netz angreift, nutzt Anonymität als Waffe. Wer Frauen vor Angriffen schützen will, lässt ihnen oft kaum etwas anderes, als sich selbst unsichtbar zu machen.
Was das mit der Demokratie macht
Genau darin liegt die demokratische Brisanz. Demokratie verliert nicht erst dann, wenn jemand zum Schweigen gebracht wird. Sie verliert schon dann, wenn Menschen beginnen, sich selbst zu zensieren, weil der Preis für Beteiligung zu hoch geworden ist. Die eigentliche Frage lautet also nicht, wie viele Beleidigungen eine Politikerin aushält.
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn öffentliche Teilhabe für Frauen mehr Mut verlangt als für Männer?
Denn Demokratie verliert nicht erst dann etwas, wenn jemand zum Schweigen gebracht wird. Sie verliert bereits dann, wenn Menschen anfangen zu überlegen, ob sie überhaupt noch sprechen sollen.
Quellen:
- https://www.europarl.europa.eu/topics/de/article/20241205STO25880/cybergewalt-gegen-frauen-was-ist-das-und-wie-kann-man-sie-verhindern
- https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/ATAG/2021/698830/EPRS_ATA(2021)698830_DE.pdf
- https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/digitale-gewalt-gegen-politikerinnen-100.html
- https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/hass-im-netz-gefaehrdet-demokratie-236282
- https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/aktionen-themen/bff-aktiv-gegen-digitale-gewalt/was-ist-digitale-gewalt/angriffe-im-oeffentlichen-digitalen-raum.html
- https://www.dbb.de/artikel/digitale-gewalt-gegen-frauen-bedroht-politische-teilhabe-1.html
