Lehrer*innen vor dem Aus

Lehrer*innen vor dem Aus

Ich weiß ja nicht, ob Sie’s schon wussten, aber der Lehrerberuf ist kein Zuckerschlecken. Er besteht eben nicht nur aus Pause, Schulaus und Ferien.
Im Gegenteil – Lehrkräfte jonglieren täglich zwischen Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen, Elterngesprächen, Klassenfahrten, Förderplänen, Digitalisierung, Inklusion, Integration und ständig neuen Bildungsreformen.
Viele sind längst am Limit. Nicht nur wegen der Menge an Arbeit, sondern auch wegen der zusätzlichen Aufgaben, die ihnen aufgebürdet werden: immer mehr Unterrichtsstunden, Klassen voller Kinder, die kaum Deutsch sprechen, aggressive Schüler, noch aggressivere Eltern. Lehrkräfte werden verantwortlich gemacht für sinkende Bildungsstandards – dabei sind es die Rahmenbedingungen, die das System auszehren.

Das öffentliche Bild des Lehrerberufs ist negativ verzerrt. Statt Respekt begegnen Lehrkräfte vielfach Vorurteilen. Noch immer haften Klischees von langen Ferien und kurzen Arbeitstagen. Dahinter verschwindet die eigentliche Leistung. Lehrkräfte tragen Verantwortung für hunderte Kinder, für ihre Bildung, ihre Konflikte, ihre Zukunft. Doch Anerkennung erfahren sie selten. Besonders Lehrerinnen kämpfen zusätzlich gegen eingefahrene Rollenbilder. Und während die Gesellschaft hitzig über Bildung streitet, wird die Last der Umsetzung ganz selbstverständlich auf die Lehrkräfte abgewälzt.

Lehrer*innen prägen Generationen. Sie begleiten Kinder und Jugendliche, die irgendwann unsere Gesellschaft tragen sollen. Doch anstatt diese Rolle wertzuschätzen, werden sie häufig abgewertet. Ihr Beitrag wird als selbstverständlich hingenommen – und wenn das Bildungsniveau sinkt, sind sie die Ersten, die verantwortlich gemacht werden.
Schon bei vielen angehenden Lehrkräften in den Seminaren zeigt sich eine massive Abwärtsspirale. Es ist kein Wunder, dass die Hälfte – in Berlin sogar zwei Drittel frühzeitig wieder abspringen. Sie erleben hautnah, dass dieses System sie nicht schätzt. Und diejenigen, die bereits unterrichten, überlegen, sich vorzeitig zu verabschieden. Wer unter solchen Bedingungen dauerhaft arbeiten soll, braucht mehr als Idealismus – er braucht Perspektiven, Respekt und verlässliche Rahmenbedingungen.

Arbeitszeiten und Workload – eine unsichtbare Last

Der Schultag endet für Lehrer*innen nicht um 13 Uhr. Danach geht es weiter – mit Konferenzen, Elterngesprächen, häufig bis in den späten Abend hinein. Mit Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen, Förderplänen, Klassenfahrten, Fortbildungen. Und auch in den Ferien ist die Arbeit nicht vorbei: Planung, Vor- und Nachbereitung, viele der umfangreichen und zeitaufwendigen Korrekturen, Unterrichtskonzepte für das neue Schuljahr.
Hinzu kommt der mentale Workload: die ständige Verantwortung für Klassen voller Kinder, die nie einfach „abgelegt“ werden kann. Lehrkräfte jonglieren kognitive Anforderungen (Unterrichtsplanung, Differenzierung, spontane Problemlösungen), emotionale Belastungen (Disziplinprobleme, persönliche Sorgen der Schüler, Druck von Eltern und Öffentlichkeit), soziale Anforderungen (Zusammenarbeit im Kollegium, Kommunikation mit Eltern und Schulleitung) und organisatorische Aufgaben (Dokumentation, Aufsicht, Verwaltung).

Und auch körperlich fordert der Beruf alles ab: Lärm, ständiges Reden, fehlende Pausen, kaum Zeit für Essen oder den Gang zur Toilette. „Erholungspausen“ in der Schule sind oft nicht mehr als eine Illusion.

Das Neueste – diskutiert werden aktuell immer noch mehr Belastungen:Unterricht soll auch in den Sommerferien erfolgen. Ausgerechnet in der Zeit, die nicht nur für Erholung gedacht ist, sondern auch für die Vorbereitung des kommenden Schuljahres. Der Erholungswert fällt weg, die Arbeitsbelastung steigt.

Lehrkräftemangel – Prognosen und Realität

Die Zahlen sprechen für sich:

  • Die Kultusministerkonferenz erwartet bis 2025 rund 25.000 fehlende Lehrkräfte – bis 2030 könnten es bereits 31.000 sein.
  • Bildungsforscher Klaus Klemm prognostiziert bis 2035 sogar eine Lücke von 85.000 Lehrkräften.
  • Das Institut der Deutschen Wirtschaft rechnet bis 2035/36 mit 76.000 fehlenden Lehrkräften.
  • Schon jetzt warnen Gewerkschaften vor über 50.000 unbesetzten Stellen – weit mehr, als die offiziellen KMK-Zahlen vermuten lassen.

Noch alarmierender: Im Schuljahr 2023/24 verließen rund 70.000 Lehrkräfte den Schuldienst – 37.000 davon endgültig. Nur 10.200 gingen aus Altersgründen. Mit anderen Worten: Drei Viertel aller Austritte waren nicht altersbedingt.
Der Beruf verliert seine Menschen – nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern schon heute.

Beamtenstatus als Strohhalm.

Gerade deshalb ist der Beamtenstatus nicht bloß ein „Privileg“, sondern für viele einer der letzten Gründe, sich überhaupt noch auf diesen Beruf einzulassen. Wer ihn nun abschaffen will, sägt am letzten Rest Attraktivität des Lehrerberufs. Die Frage lautet dann: Wer soll in Zukunft noch die Kinder unterrichten, wenn immer weniger Menschen bereit sind, sich dieser Dauerbelastung auszusetzen?
Man kann Lehrkräfte kritisieren, man kann über Schulstrukturen streiten. Aber wer ihnen dauerhaft Anerkennung und sichere Arbeitsbedingungen entzieht, gefährdet nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer – sondern die Bildung kommender Generationen.

Lehrkräfte sind keine „Privilegierten“, sondern die tragenden Säulen unseres Bildungssystems. Doch wer sie immer weiter überlastet, gering schätzt und ihre Arbeitsbedingungen verschlechtert, gefährdet nicht nur ihre Gesundheit und Motivation – er gefährdet die Bildung der kommenden Generationen.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist nicht, ob wir uns bessere Bedingungen für Lehrkräfte leisten können. Die Frage ist: Können wir es uns leisten, sie nicht zu schaffen?