Der Expresszug fährt durch sommerlich grüne Felder und sonnenbeschienene Wälder und Dörfchen. Die Landschaft ist flach und der Blick geht oft weit bis zum Horizont. Heute früh habe ich in Prag noch Mohn-Kolatschen als Reiseverpflegung gekauft, ein feines böhmisches Süßgebäck. Die Fahrt ist angenehm, die Sitze sind weich und es ist auch nicht zu heiß im Zug.

Hinter Ostrava überqueren wir die polnische Grenze. Kleine Bahnhöfe ziehen vorbei, aber wir halten nicht überall. Chybie, Zabrzeg, und Czechowice-Dziedzice steht auf den Schildern. Das sieht kompliziert aus, aber wenn man die polnische Aussprache-Regeln kennt, klingt es schon einfacher. Das „cz“ wird zum „tsch“, das „sz“ zum „sch“, das „ż“ und „rz“ klingt wie der stimmhafte Laut in „Garage“. Und dann ist da noch da „c“, das wie „ts“ ausgesprochen wird. (Ch, ą, ę, ć, ś und ź lernen wir dann ein anderes Mal). Weiter geht die Fahrt über Jawiszowice-Jaźnik und Brzeszcze – und dann hält der Zug an.

Ein kleiner, verschlafener Bahnhof liegt in der prallen Sonne, er ist fast menschenleer. „Oświęcim“ sagt das Schild auf dem Bahnsteig. Auschwitz. Ich wusste, dass die Strecke hier entlang führt, aber jetzt rasen die Gedanken durch meinen Kopf. Ich sitze hier sehr bequem, futtere leckeres Gebäck und trinke Zitronen-Eistee, draußen sehe ich grüne Wiesen, Bäume und kleine Häuser – ein Bild des Friedens. Und doch spüre ich das Grauen und mir stockt der Atem.

Hier hat man über eine Million Menschen aus den Zügen getrieben, hier geschah unvorstellbares Leid – und hier endete auch die letzte Fahrt meiner eigenen Urgroßmutter, einer älteren Dame aus Hamburg. Wurde sie in einen Viehwagen gestopft? Wie kalt war es damals, im Februar 1943? Ich weiß es nicht, sie hat den April nicht mehr erlebt.

Und jetzt bin ich an diesem Ort. Irgendwie fühlt es sich falsch an, hier so bequem vorbei zu reisen. Aber ich kann die Vergangenheit nicht ändern – ich kann nur versuchen, dazu beizutragen, dass dieser Teil der Geschichte nie wieder seinen Reim findet. Und ganz ehrlich: ich werde wütend, wenn ich höre und vor allem lese, es müsse „doch mal Schluss sein“ und man solle sich doch „auf die heroischen Teile unserer Geschichte“ konzentrieren. Womit genau soll denn Schluss sein, bitte? Auf allen meinen Reisen ist mir nie jemand begegnet, der mir persönlich die Schuld für Dinge gegeben hat, die vor meiner Geburt stattgefunden haben. Jene, die dauernd von einem „Schuldkult“ faseln, haben diesen herbeifantasierten Kult doch selbst erst erfunden.

So funktioniert Geschichte einfach nicht. Man wirft nicht irgendwann die Teile raus, die einem nicht behagen und legt die anderen ins Töpfchen, so wie im Märchen von Aschenputtel. Geschichte hat stattgefunden und sie findet weiterhin statt und jeder Schritt, den wir tun, hat unaustilgbare Auswirkungen und lässt sich nicht ungeschehen machen. Es gab zwar immer wieder Autokraten, die versucht haben, Geschichte auszulöschen oder umzuschreiben – nicht ohne Grund will die AfD die Erinnerungskultur ausradieren, nicht ohne Grund hat Putin die gesamte Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen systematisch zerschlagen – aber letztlich sind sie alle damit gescheitert.

Und mal ehrlich: Wer denkt, dass die Welt uns Deutsche erst dann wieder mag und respektiert, wenn wir es geschafft haben, Alle vergessen zu machen, was geschehen ist, irrt ganz fatal. Wenn die Welt uns respektiert, dann eben, weil wir NICHT vergessen haben und weil wir versuchen, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Und dabei ist die Welt eigentlich noch zu gnädig mit uns: es genügt ja ein Blick in die Kommentarspalten des Unsocial Network, wenn zwischen „Es waren niemals sechs Millionen“, „Selber schuld“, „Die Wehrmacht kämpfte auch nur für ihr Land“, „Der Maler aus Österreich wusste schon was er tat“ und „Israel verrecke“ der braune Bodensatz fröhliche Urständ‘ feiert. Wobei man ehrlicherweise hinzufügen muss, dass das letzte Zitat von einem Funktionär der Linksjugend stammt. Allen Ernstes.

Geschichtsklitterung und Antisemitismus – das sind eben nicht immer „die anderen“, da dürfen wir uns alle gerne mal an die eigene Nase fassen und wachsam bleiben. Es ist eine Illusion zu glauben, dass dieses Gedankengut, diese DNA des Hasses, mit dem Ende der Nazibarbarei in sich zusammengefallen wäre.

Längst ist der Zug schon wieder abgefahren und meine Tränen der Wut und der Trauer sind versiegt. Ich steige in Krakau um und die Stadt ist fantastisch; das bringt mich auf andere Gedanken. Aber auf der Reise – es geht über Warschau ins Baltikum – werde ich immer wieder und an vielen Orten mit der Geschichte konfrontiert. Ob es Ortsnamen oder Flüsse sind, Denkmäler oder Friedhöfe: Geschichte ist präsent, sie ist überall.

Und das ist auch gut so.