Eine Welt auf Augenhöhe – Teil 16
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Die unsichtbare andere Hälfte – häusliche Gewalt gegen Männer
Am helllichten Tag hören wir in der Wohnung unter uns ein Kind kreischen.
„Mama, lass den Papa in Ruhe.“ Linda1 ist vier. Es ist nicht das erste Mal. Betreten sehen wir uns an. Mein Partner lächelt schief. Wir unternehmen nichts. Niemand unternimmt noch etwas. Die Polizei war schon mehrfach im Haus, aber immer gehen sie nach wenigen Minuten wieder.
Irgendwann findet Paul den Mut und den Weg zur Polizeiwache. Er möchte seine Frau anzeigen, erklären, dass seine Partnerin ihn würgt, schlägt und bedroht, dass sie ihm androht, ihn als Täter anzuzeigen und ihm die Tochter zu entziehen. Doch er erlebt genau das, wovor er am meisten Angst hatte: Skepsis. Ein Mann, 1,85 groß, sportlich – und Opfer seiner zierlichen Freundin? „Sie können sich doch wehren“, sagt der Beamte.
Paul geht wieder. Und schweigt.
Paul1 ist kein Einzelfall. In Deutschland werden Jahr für Jahr hunderttausende Menschen Opfer häuslicher Gewalt – darunter auch viele Männer – ein Aspekt, der in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommt.
Bereiche häuslicher Gewalt gegen Männer
Die offizielle Statistik des Bundeskriminalamts bildet das sogenannte Hellfeld ab. Demnach wurden 2024 insgesamt 265.942 Menschen als Opfer häuslicher Gewalt erfasst. Rund 29,6 % davon waren männlich – mit steigender Tendenz bei beiden Geschlechtern.
Der WEISSE RING weist darauf hin, dass das tatsächliche Ausmaß deutlich höher liegt, da nur ein Teil der Betroffenen Anzeige erstattet. Auch Dunkelfeldstudien zeigen, dass insbesondere männliche Opfer häufig unsichtbar bleiben.
Häusliche Gewalt lässt sich aber noch in verschiedene Bereiche gliedern:
- Gewalt durch aktuelle oder frühere (Ehe-)Partner*innen.
- Psychische Gewalt (Beschimpfungen, Demütigungen, Drohungen, Stalking, Kontrollverhalten)
- Körperliche Gewalt (Schläge, Tritte, Würgen, Angriffe mit Gegenständen)
- Sexualisierte Gewalt (erzwungener Sex, Druck zu unerwünschten Praktiken)
- Ökonomische Gewalt (Kontrolle von Geld, Schulden machen lassen, Sabotage von Arbeit)
- Gewalt innerhalb der Herkunfts- oder neuen Familie.
- Gewalt gegen Jungen durch Eltern, Stief- oder Großeltern
- Gewalt gegen erwachsene Söhne durch Eltern oder Geschwister
- Gewalt durch andere Angehörige im gemeinsamen Haushalt (Onkel, Cousins etc.)
- Gewalt rund um Trennung, Sorgerecht und Kinder.
- Drohungen mit Umgangs- oder Sorgerechtsentzug
- Instrumentalisierung der Kinder („Du siehst Papa nicht mehr, wenn…“)
- Falschbeschuldigungen (Gewalt, Missbrauch) als Druckmittel
- Eskalationen bei Übergaben, begleiteten Umgängen, Gerichtsverfahren
- Gewalt in gleichgeschlechtlichen und queeren Beziehungen.
- Outing Drohungen („Ich oute dich“)
- Homophobe/transfeindliche Beschimpfungen
- Zusätzliche Hürden bei Hilfesuche (fehlende Angebote, Angst vor Diskriminierung)
- Ökonomische und digitale Gewalt.
- Kontrolle von Konten, Passwörtern, Online Profilen
- Überwachung via Handy, Apps, GPS
- Bloßstellung oder Drohung mit intimen Bildern (Cybergewalt)
- Sabotage von Bewerbungen, Arbeit, geschäftlichen Kontakten
- Vernachlässigung und strukturelle Gewalt im Haushalt.
- Systematische Ausnutzung von Pflege- oder Versorgerrollen (z. B. pflegender Sohn, pflegender Partner)
- Emotionale Kälte, Schweigen, Entzug von Zuwendung als Machtmittel
- Isolation von Freunden und Familie („Du brauchst niemanden außer mir“)
Warum Männer schweigen
Wer gelernt hat, stark, unverwundbar und kontrolliert zu sein, erlebt selbst Opfer sein als Identitätsbruch. Viele gewaltbetroffene Männer fragen sich: „Wie konnte ich das zulassen?“ statt: „Warum tut sie mir das an?“ Damit ist der Weg in die Selbstbeschuldigung vorgezeichnet.
Hinzu kommt die Angst vor Spott: „Ein Mann, den die Frau schlägt“ – wird gesellschaftlich oft noch immer nicht als Notfall wahrgenommen. Genau diese Haltung kann sich – subtil oder offen – auch im Umgang von Polizei, Justiz und im sozialen Umfeld widerspiegeln. Männer rechnen damit, belächelt oder nicht ernst genommen zu werden – und sprechen lieber gar nicht.
Dieses Muster ist aus der Gewaltforschung bekannt: Scham, Selbstzweifel und Angst vor sozialer Abwertung gehören zu den häufigsten Gründen, warum Opfer keine Hilfe suchen.
Warum männliche Opfer unsichtbar bleiben
Gesellschaftlich wirken starre Rollenbilder. In vielen Kampagnen, Schulmaterialien, Medienberichte dominiert das Bild: Gewalt von Männern gegen Frauen. Das ist real und gravierend – aber es erzeugt einen blinden Fleck. Männliche Opfer passen nicht in die vorherrschende Erzählung. Gerade auch heterosexuelle Männer berichten in Studien und Beratungsstellen, dass sie zwar als Täter ernst genommen, als Opfer aber kaum wahrgenommen werden.
Strukturell schließlich fehlen Angebote und Daten. Es gibt nur wenige auf Männer spezialisierte Beratungsstellen und bundesweit nur eine begrenzte Zahl an Schutzplätzen. In mehreren Bundesländern gibt es bis heute keine entsprechenden Schutzangebote. Wer als Mann vor einer gewalttätigen Partnerin fliehen will, findet im Notfall schlicht keinen Ort, wo er mit seinen Kindern unterkommt. Auch in der Forschung bleiben männliche Opfer lange eine Randnotiz: Viele Fragebögen und Programme wurden historisch primär für weibliche Opfer entwickelt.
Männliche Betroffenheit wird oft nur mitabgefragt, aber selten differenziert ausgewertet.
Gewalt beginnt oftmals bereits in der Kindheit
Ein erheblicher Teil der Männer, die als Erwachsene in gewalttätigen Beziehungen landen, hat bereits als Kinder Gewalt erlebt – als direkt misshandelte Jungen oder als Zeugen von Gewalt zwischen den Eltern. Studien zeigen, dass Jungen auch häufig verschiedene Formen von körperlicher Gewalt, Vernachlässigung oder psychischer Misshandlung erleben. Trotzdem wird männliche Verletzlichkeit im Kindsschutz wenig thematisiert.
Die Botschaft, die sich einprägt: Gefühle werden nicht gezeigt, Schwäche nicht erlaubt, niemand kommt, um zu helfen.
Mögliche Folgen sind gut dokumentiert: Schwierigkeiten mit Bindung und Vertrauen, Probleme mit Selbstwert und Emotionsregulation, ein erhöhtes Risiko für Suchtverhalten und psychische Erkrankungen. Dazu kommt eine brüchige Fähigkeit, Grenzen zu setzen.
Nicht wenige Männer, die später in toxischen Beziehungen landen – als Opfer, als Täter oder beides – bringen solche Kindheitserfahrungen mit.
Ausgerechnet dann, wenn sie später Schutz bräuchten, greifen diese Männer auf alte Bewältigungsstrategien zurück: aushalten, funktionieren, verdrängen. Dass sie Opfer sind und Hilfe verdienen, passt nicht zu dem, was ihnen über Männlichkeit beigebracht wurde.
Wenn die Partnerin zur Täterin wird
Häusliche Gewalt gegen Männer sieht nicht harmloser aus als gegen Frauen. Sie beginnt selten mit dem ersten Schlag. Häufig zeigt sich ein Mix aus psychischer, körperlicher und ökonomischer Gewalt.
- Psychische Gewalt bedeutet zum Beispiel: ständige Kritik, Demütigung, Lächerlichmachen, Eifersuchts- und Kontrollverhalten, Drohungen mit Trennung, mit Umgangsverweigerung gegenüber den Kindern oder mit Falschbeschuldigungen. Viele Männer berichten, dass die Partnerin im Streit Dinge zerreißt, zerstört oder ihnen gezielt die Vaterschaftsfunktion angreift: „du bist ein schlechter Vater“, „die Kinder haben Angst vor dir“ – selbst wenn dies aus Sicht der Betroffenen nicht der Realität entspricht.
Hinzu kommen Drohungen, von denen Betroffene berichten, die für Väter besonders schwer wiegen: „Ich nehme dir die Kinder“, „Ich zeige dich an, dann glaub dir keiner mehr“, „Wenn du gehst, bringe ich mich um – und du bist schuld.“
- Körperliche Gewalt reicht von Schubsen, Schlagen und Kratzen über Tritte bis hin zu Würgen oder Angriffen mit Gegenständen. In Berichten männlicher Opfer wird immer wieder die Nutzung von Gegenständen oder Waffen beschrieben: Flaschen, Messer, Haushaltsgegenstände, Autoschlüssel. Das kann physische Unterschiede ausgleichen und das Risiko schwerer Verletzungen erhöhen. Manche Männer lassen sich nicht behandeln – aus Scham oder aus Angst, Fragen nach der Ursache könnten zu Problemen vor Polizei und Jugendamt führen.
- Kontroll- und ökonomische Gewalt betrifft etwa das Einfrieren von Konten, das Verhindern von Erwerbstätigkeit, das Abfangen von Post, das Durchsuchen von Handy und E-Mails, das „Überwachen“ von Terminen und Wegen. Manche Männer geraten in Schulden, weil sie auf Druck der Partnerin Kredite aufnehmen oder teure Anschaffungen finanzieren.
Väter in der Falle
Für viele betroffene Männer ist nicht die eigene Sicherheit der entscheidende Punkt, sondern Angst um die Kinder. Wer das Sorgerecht oder den Umgang bedroht sieht, bleibt eher in der Beziehung, versucht, zu beruhigen, zu deeskalieren – und opfert sich selbst.
Rechtlich sind die meisten relevanten Gesetze – Gewaltschutzgesetz, Strafrecht, Opferentschädigung – geschlechtsneutral. Männer können Schutzanordnungen beantragen, die Wohnung zugewiesen bekommen, Kontakt- und Näherungsverbote erwirken. In der Praxis berichten Betroffene und Fachstellen jedoch von hohen Hürden.
Viele Betroffene fürchten, dass Polizei oder Gerichte sie nicht als Opfer sehen, sondern als möglichen Täter. Wenn die Partnerin behauptet, er sei der Aggressor, kann die Situation für den Mann schnell rechtlich und sozial eskalieren. Drohungen mit Falschbeschuldigungen – „Ich sage, du hast mich geschlagen oder das Kind missbraucht“ – sind oft schwer nachweisbar, wirken aber als psychische Waffe mit enormer Sprengkraft. Gerade in Sorgerechts- und Umgangsverfahren kann schon der bloße Verdacht gegen den Vater schwer wiegen.
Hinzu kommt eine strukturelle Lücke bei Schutzplätzen: Während Frauenhäuser und ihre Kinder im Hilfesystem deutlich etablierter sind, sind Männer und die Kinder, die mit ihnen fliehen, nicht überall gleich explizit abgesichert. Fachstellen und Interessenverbände weisen darauf hin, dass in Umsetzungsregelungen zu neuen Gewalthilfegesetzen Kinder gewaltbetroffener Väter teilweise nicht klar als anspruchsberechtigt genannt werden.
Das bedeutet konkret: Ein Mann kann zwar theoretisch Schutz verlangen, findet aber praktisch kaum Plätze für sich und seine Kinder und stößt auf Unklarheiten, wer für Kosten und Zuständigkeit aufkommt.
Wechselseitige Gewalt
Viele Männer, die Gewalt erleben, geben zu, irgendwann zurückgeschlagen zu haben – aus Gegenwehr oder Verzweiflung. Beziehungen, in denen beide Seiten Gewalt anwenden, sind nicht selten. Das macht die Einordnung komplizierter, aber nicht weniger dringlich.
In der Praxis kann es eine große Rolle spielen, wer zuerst die Polizei ruft. Wer hat sichtbare Verletzungen? Wer wirkt emotional kontrollierter? Ein Mann, der nach Monaten der Demütigung im Streit zuschlägt, kann schnell als alleiniger Täter enden – selbst wenn er davor lange Opfer war.
Ein System, in dem das Schema „männlicher Täter – weibliches Opfer“ häufig dominiert, wird solchen Dynamiken nicht immer gerecht.
Wenn Gewalt in die Verzweiflung treibt
Männer sterben in Deutschland deutlich häufiger durch Suizid als Frauen. Partnerschaftskrisen, Trennungen, Gewalt, der Verlust von Kindern und Existenzangst gehören zu den häufig genannten Belastungsfaktoren. Viele Gewaltopfer berichten von Schlafstörungen, Panikattacken, Depressionen und dem Gefühl, keinen Ausweg zu sehen.
Wie viele Männer nach häuslicher Gewalt tatsächlich Suizid begehen, weiß niemand genau – entsprechende Daten werden in Deutschland nicht systematisch verknüpft. Klar ist jedoch: Wer Gewalt erlebt, gleichzeitig um seine Kinder und seine Existenz bangt und kaum Zugang zu Schutz und Therapie hat, kann ein deutlich erhöhtes Risiko tragen. Und Männer holen sich Hilfe erfahrungsgemäß später – oder gar nicht.
Wie passen patriarchale Strukturen ins Bild?
Patriarchale Strukturen wirken nicht nur zulasten von Frauen. Sie prägen auch, was als „männlich“ gilt – und damit, was Männer dürfen und was nicht. Stärke, Kontrolle und Unverletzlichkeit sind zentrale Erwartungen. Wer davon abweicht, riskiert soziale Abwertung.
Für gewaltbetroffene Männer wird genau das zum Problem: Opfersein passt nicht in dieses Bild. Es widerspricht der Rolle, die ihnen zugeschrieben wird – und oft auch der, die sie selbst verinnerlicht haben. Das erschwert es, Gewalt zu erkennen, darüber zu sprechen und Hilfe anzunehmen.
Gleichzeitig beeinflussen solche Rollenbilder auch die Wahrnehmung von außen. Wenn Männlichkeit mit Durchsetzungsfähigkeit und potenzieller Gefährlichkeit verknüpft wird, erscheinen Männer schneller als Täter und seltener als Schutzbedürftige. Das kann dazu beitragen, dass ihre Erfahrungen weniger ernst genommen oder falsch eingeordnet werden.
Patriarchale Strukturen wirken damit in beide Richtungen: Sie begünstigen Gewalt gegen Frauen – und tragen zugleich dazu bei, dass männliche Opfer unsichtbar bleiben. Wer Gewalt wirksam bekämpfen will, muss beide Seiten dieser Struktur in den Blick nehmen.
Es geht nicht darum, Gewalt gegeneinander aufzurechnen, sondern darum, blinde Flecken zu erkennen und zu schließen.
Was sich ändern müsste
Wenn man Gewalt gegen Männer ernst nehmen will, reicht es nicht, ein neues Hilfetelefon aufzuschalten und ein paar Informationsbroschüren zu drucken. Nötig wäre:
- Mehr spezialisierte Schutzplätze und Beratungsangebote für Männer und ihre Kinder.
- Schulungen für Polizei, Justiz, Jugendämter, damit männliche Opfer nicht vorschnell als Täter eingeordnet werden.
- Forschung, die Kosten, Folgen und Bedarfe männlicher Betroffener explizit erfasst.
- Öffentlichkeitsarbeit, die das Bild von häuslicher Gewalt erweitert – ohne den Kampf gegen Gewalt an Frauen zu relativieren.
Wer Gleichstellung ernst meint, muss auch die verletzbare Seite von Männern mitdenken. Nicht, um einen Wettbewerb der Opfer zu eröffnen, sondern weil Gewalt in Beziehungen jede und jeden treffen kann – und weil Schutz kein Privileg sein darf, sondern ein Recht.
Häusliche Gewalt ist kein „Frauenthema“ – sie ist ein Thema der Menschenrechte.
1 Namen geändert
