Kain und Abel

In längst verflossnen Erdenzeiten,
da stritten heftig, voller Eitelkeiten,
die Brüder Kain und Abel deftig,
der eine klug, der andre kräftig.

„Die Gunst der Maid sei mir vergönnt!“,
vergnügt sprach Abel: „Denn ich könnt,
ihr bieten einen Goldpalast,
bei dir lebt sie auf einem Ast!“

Sein Bruder Kain ward grimmig rot
und wünschte seinen Bruder tot:
„Du Bratenrock, bei deinem Geiz,
erliegt sie eher meinem Reiz.“

Die Schöne stand voll Stolz daneben:
„Es sollte einen Wettkampf geben!“,
rief sie: „Dem Sieger, ach, fürwahr,
schenk ich mein Herz, das ist doch klar!“

Als Abel just zum Faustkampf rief,
die Kränkung saß bei Kain sehr tief,
er nahm den Stock, versteckt im Laub
und schlug den Bruder in den Staub.

Die Maid rief keck: „Du Ungeheuer,
so wild und wüst wie Sommerfeuer!
Ich lieb nicht Kraft und auch nicht Gold
und keinen, der mit Prügeln grollt!“

Bevor noch Abel Worte fand,
erscholl Musik in Adams Land.
Ein sanfter Klang, voll Heiterkeit,
verzauberte die holde Maid.

Da kam ein Barde, schlank fürwahr,
recht groß und mit gelocktem Haar.
Sein Lächeln ihre Blicke band,
er hob die Lyra in der Hand

und sang dazu von Lieb und Weh,
er könnt kaum glauben, was er seh,
ein Raufen um dies holde Sein:
„Oh komm, du Süße, sei du mein!“

Die Maid erbebte ganz verzückt,
von solchem Klang gar tief beglückt.
Ihr Herz, das eben noch gerungen,
ward von der Lyra Spiel bezwungen.

Da nahm sie froh des Barden Hand,
zusammen flohen sie aus Adams Land,
um Leben in die Welt zu bringen,
noch lange hörte man sein Singen.

Und Abel schimpfte voll Verdruss:
„Sie macht so einfach mit uns Schluss?“
Bedröppelt stand auch Kain daneben,
denn ihre Braut war nun vergeben.

So war der Wettkampf hier beendet,
das Blatt der Brüder war gewendet:
Denn dies weiß doch ein jedes Kind:
Nicht Faust, noch Gold – Musik gewinnt!