Männer an Grundschulen

Grundschullehrer

Vom Normalfall zur Seltenheit

Warum unterrichten heute so wenige Männer an Grundschulen?
Das war doch mal anders. Oder nicht?

Noch vor hundert Jahren war der Volksschullehrer ein „ehrbarer, wenn auch schlecht bezahlter“ Männerberuf. Heute wirkt ein Mann an einer Grundschule fast wie eine Rarität. Statistisch liegt der Anteil bundesweit bei nur 10 bis 12 Prozent, in manchen Bundesländern sogar darunter.
Der Wandel setzte nach den Weltkriegen ein. Durch Lehrermangel kamen viele Frauen in den Beruf, die Grundschule wurde zunehmend feminisiert. In den 1970er-Jahren verstärkte sich dieser Prozess noch einmal deutlich – gerade in Westdeutschland.

Gründe für den Rückgang: In den 1960er-Jahren erhielt die Grundschule zwar pädagogisch mehr Gewicht, zugleich aber wurde ihre Arbeit stärker mit Erziehung und Fürsorge verbunden – Tätigkeiten, die gesellschaftlich als „weiblich“ galten.
Für Männer war das unattraktiv, zumal das Grundschullehramt schlechter besoldet war als die höheren Lehrämter (klassisch A12 gegenüber A13 am Gymnasium). Wer als „Familienernährer“ galt oder Karriere machen wollte, entschied sich daher für die Sekundarstufe oder das Gymnasium.

Die ungleiche Bezahlung wird politisch seit Jahren kritisiert (GEW, Deutscher Frauenrat), aber ein Wandel kommt nur sehr langsam in Gang.

Gesellschaftliche Zuschreibungen spielten ebenfalls eine Rolle: Geduld, Fürsorge und emotionale Präsenz wurden traditionell Frauen zugeschrieben. Ein Mann, der „nur“ Grundschullehrer war, galt oft als beruflich weniger qualifiziert. Viele fürchteten zudem, in diesem Umfeld als „nicht männlich genug“ wahrgenommen zu werden.

Wer also als Mann Karriere machen wollte, wählte das höhere Fachlehramt. Männer an weiterführenden Schulen haben die Möglichkeit, Titel zu erlangen – wie Oberstudienrat, Studiendirektor oder Fachbereichsleiter – und damit verbunden mehr Verantwortung, Aufstiegschancen und ein höheres Gehalt. In der Grundschule hingegen gibt es solche Karrierepfade kaum. Die begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten und die niedrigere Vergütung tragen zusätzlich dazu bei, dass der Beruf für Männer unattraktiv bleibt.

Seit den 1970ern wurde die Grundschule Schritt für Schritt zu einem fast ausschließlich weiblichen Berufsfeld. Das ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Bezahlungspolitik, Rollenbildern und struktureller Benachteiligung dieser Lehrämter.

Die Grundschule ist ein Arbeitsfeld mit hoher Belastung, aber geringer Anerkennung. Intensive Elternarbeit, emotionale Begleitung der Kinder, wenig gesellschaftliche Wertschätzung – all das schreckt viele Männer ab. Studien (z. B. DJI 2016) bestätigen, dass die Kombination aus hoher psychischer Belastung und niedriger Bezahlung männliche Bewerber besonders abschreckt.
Hinzu kommt eine latente Misstrauenskultur: Männer, die eng mit Kindern arbeiten, leben oft mit der Sorge, unter den Verdacht pädophiler Neigungen zu geraten. Auch das wirkt wie eine unsichtbare Barriere.

Das Ergebnis ist sichtbar: Kinder im Grundschulalter wachsen in einer schulischen Welt auf, die fast ausschließlich weiblich geprägt ist. Für viele ist das kein Problem. Aber manche Jungen erfahren Schule dadurch als Raum, der mit Männlichkeit wenig zu tun hat. In einer Entwicklungsphase, in der sie Orientierung und Identifikationsfiguren suchen, fehlen ihnen die männlichen Vorbilder. Lehrer, die zeigen, dass Lernen, Neugier und Bildung nichts Unmännliches sind. Denn – Schule ist auch etwas für Jungs.

Forschung macht klar: Entscheidend ist nicht das Geschlecht der Lehrkraft allein, sondern Haltung, Professionalität und Beziehungsgestaltung. Aber Vielfalt erweitert die Horizonte: Kinder brauchen unterschiedliche Bezugspersonen, um sich selbst zu verorten.

Damit wird die geringe Zahl männlicher Grundschullehrer zu einem Symptom für ein größeres gesellschaftliches Problem. Die Frage lautet nicht nur: „Warum sind so wenige Männer an Grundschulen?“ Sie lautet auch: „Warum ist uns die Arbeit an der Basis der Bildung so wenig wert?“

Grundschulen ohne Männer sind Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Problems. Sorgearbeit – ob in Kitas, in der Pflege oder in der Grundschule – wird strukturell abgewertet. Männer meiden diese Tätigkeiten, Frauen tragen sie weiter, oft aus Pflichtgefühl oder weil sie gesellschaftlich hineingedrängt werden.

Die Folge ist eine doppelte Entwertung des Grundschullehramts: ökonomisch durch die schlechtere Bezahlung, symbolisch durch das geringe Prestige.

Solange wir Grundschullehrkräfte – Männer wie Frauen – nur als Lückenfüller im Bildungssystem sehen, statt als Fundament, werden wir weder mehr männliche Vorbilder gewinnen noch die Qualität unserer Schulen sichern. Schule ist kein Geschlechterspiel, sondern die Basis für die Gesellschaft von morgen – und diese Basis darf nicht einseitig besetzt sein.

Gesellschaft muss „Grundschule“ aufwerten, sowohl finanziell
als auch im Ansehen.
Erziehung ist keine reine Frauenaufgabe.