von Clara Sternfeld

KAPITEL II

Szene 45

Ich habe genug erzählt.
Genug, um die Zusammenhänge sichtbar zu machen. Und genug, um ihre Welt zu erschüttern.
Leonie hatte sich verhältnismäßig schnell wieder gefangen. Sie löcherte mich mit Fragen, die ich ihrer Meinung nach beantworten können musste – wenn ich tatsächlich dieser Jakob Kleinschmidt war. Ich antwortete ihr wahrheitsgemäß.
Vera schwieg die meiste Zeit. Sie reichte Limonade, später Kaffee, und stellte ein kleines Abendbrot zusammen – für Leonie und sich.
Mich fragte sie nicht, ob ich auch etwas möchte.
Es war das erste Mal, dass sie mich nicht fragte. War das ihre Art, mir zu glauben? Oder nur Vorsicht? Ich weiß es nicht.
Leonie hingegen schien mir, nachdem ich ihren Fragenmarathon halbwegs zufriedenstellend überstanden hatte, deutlich aufgeschlossener.
„Wenn das alles stimmt, bist du mein Uropa“, meinte sie nachdenklich – und nickte für sich selbst.
Dann schwieg auch sie. Sie saßen am Tisch und aßen ihre belegten Brote und tranken Tee. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Essen.
Ich saß etwas abseits und sah ihnen zu.
Später räumte Vera den Tisch ab, brachte frischen Tee und setzte sich dicht neben Leonie.
Soll ich aufstehen und gehen?
Zur Sicherheit werde ich nochmals in der Kapelle übernachten. Es ist bereits spät. Drei Menschen wissen jetzt Bescheid. Ich schwanke zwischen Unsicherheit und Erleichterung.
„Oma ist deine Tochter? Das ist total komisch.“ Leonie sieht mir in die Augen. Ich nicke nur.
„Tom ist mein Zwillingsbruder“, fährt sie fort. „Wir sind grundverschieden. Papa meint, ich komme nach Oma Melanie und Tom nach unserem Opa. Wir haben keinen Kontakt zu Opa. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Und jetzt habe ich einen Uropa, der nicht aussieht wie ein Opa.“ Sie lächelt schief.
Vera schweigt beharrlich, aber sie wirkt nicht mehr so distanziert.
„Ich muss wieder nach Hause.“ Leonie steht auf, schnürt das Band wieder um die Fotos und verstaut alles in der Schachtel. „Ich lasse dir ein paar Fotos nachmachen, wenn du möchtest.“
Natürlich möchte ich.
Meine Urenkelin – wie das klingt – schüttelt mir zum Abschied die Hand. Eine kleine, warme Hand mit festem Händedruck.
„Wir sehen uns“, sagt sie. Dann eilt sie über die Straße nach Hause.
Auch ich stehe auf, um zu gehen. Vera nickt mir zum Abschied zu. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht. Langsam gehe ich die Straße entlang. Es ist nicht weit bis zur Kapelle.
Die Sterne geben mir keine Antwort, so sehr ich auch hilfeflehend zu ihnen hinaufsehe.
Immerhin: Der Mond ist mir heute freundlich gesinnt. Er taucht die halbe Verkehrsinsel mitsamt der Bank davor in sein Licht. So sitze ich wenigstens nicht im Dunkeln.

Szene 46

Ich kann das Ende der Nacht kaum erwarten.
Mehrmals bin ich aufgestanden, die Straße auf und ab gegangen. Eine Zeit lang saß ich auf der Steinbank, eine Weile in der Kapelle, ein paar Mal umkreiste ich die Kapelle, nur um wieder auf der Steinbank zu landen.
Ein unbändiges Bedürfnis treibt mich – ich möchte Helga von den neuesten Entwicklungen erzählen. Sie weiß ja nicht einmal, dass sie Uroma von Zwillingen ist.
Endlich ist die Nacht vorbei. Mit den allerersten Sonnenstrahlen mache ich mich auf den Weg zum Friedhof. Um diese Zeit liegt er völlig still.
Tautropfen glitzern, so weit das Auge reicht. Vögel zwitschern bereits, und ein tiefer Friede liegt wie eine riesige Glocke über dem Gelände.
Weshalb sich manche Menschen auf Friedhöfen fürchten, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.
Vor ein paar Tagen hatte ich am Ufer einen schneeweißen Kiesel gefunden – in Herzform. In den letzten Stunden habe ich mich oft an ihm festgehalten. Er fühlt sich noch immer warm an, als ich ihn nun auf die Grabplatte lege.
Irgendwer scheint sich liebevoll um Helgas Grab zu kümmern. In der Vase steckt ein dicker Strauß Margeriten, und eine kaum heruntergebrannte Kerze flackert sacht in ihrem Glas.
Am Ende sage ich nichts. Ich möchte diese stille Harmonie nicht stören. Ich denke mir mein Gespräch mit Helga – und in meinen Gedanken antwortet sie mir mit ihrer glockenhellen Stimme. Es ist, als spräche sie mir Zuversicht zu und freute sich darüber, dass ich hier bin.
Vielleicht darf ich mir irgendwann den ganzen Karton mit Leonies Fund in Ruhe ansehen: die restlichen Fotos, die Briefe und alle die kleinen verborgenen Schätze.
Gestärkt und innerlich erleichtert setze ich mich auf die Friedhofsmauer.
Dankbar für dieses wiedergeschenkte Leben, für Menschen, die mir langsam wichtig werden – und für meine wundervolle Familie.