To France
– Kommentar –
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Es war März – ich habe, zugegebenermaßen, ein Faible für den Frühling in Europa – gerade in den Regionen, wo es im Winter kalt ist, wenn die ersten Strahlen der stärker werdenden Sonne die winterliche Starre und Düsterheit aufbrechen und der Welt neues Leben einzuhauchen scheinen. Ich weiß allerdings nicht, wie es damals sich angefühlt hat, 1933, als am 11 März in Braunschweig die jüdischen Geschäfte zerstört und geplündert wurden, alles unter dem Deckmantel des „spontanen Volkszorns“. Diese, seit Tagen vorbereitete Operation, wurde später als „Warenhaussturm“ bekannt und war der Startschuss für den „Judenboykott“ wenige Wochen später, und ein klarer Vorbote für die „Reichskristallnacht“, die in etwas mehr als 5 Jahren von diesem Tag stattfinden wird.
Es heißt ja meistens so: „die Geschäfte wurden zerstört“, doch die Geschäfte haben es überlebt – Karstadt gibt es bis heute, nur ohne seinen jüdischen Besitzer; Cloppenburg gibt es auch noch – damals hieß der Laden nach seinem jüdischen Besitzer „Schröder & Co.“; aus der Wäschemanufaktur Karl Joel (übrigens der Großvater von Billy Joel) wurde Neckermann-Versand; aus der Hermann Tietz OHG, der damals KaDeWe und das Alsterhaus (damals Warenhaus Tietz) gehörten, wurde Hertie GmbH, die dann später in Karstadt aufging; das Unternehmen seines Bruders – Leonhard Tietz AG – wurde zu Westdeutscher Kaufhof AG, später zu Kaufhof, Karstadt Kaufhof und anschließend zu Galeria. Die Liste könnte man noch sehr lange fortsetzen. Was häufig keine Fortsetzung fand, war das Leben der ehemaligen Besitzer und Gründer – viele von ihnen wurden komplett enteignet und diejenigen, die nicht fliehen konnten, wurden meist ermordet.
Warum erzähle ich das alles? Nun, manchmal sieht man etwas und es weckt Erinnerungen oder Assoziationen. Mir ist das vor ein paar Tagen passiert – als ich mir die Berichterstattung zu den Protesten in Frankreich angeschaut habe. Ein französischer Journalist, Paul Amar, hat berichtet, wie in Marseille die Meute der Protestierenden die Geschäfte zerstörte und plünderte, wobei es ihm etwas aufgefallen war – es war wohl keine wahllose Zerstörung, die sich gegen alle und jeden richtete; es war gezielt. Nach seiner Beschreibung waren die Angreifer vorbereitet. Sie hatten Adressen der jüdischen Geschäfte dabei, und alle von ihnen wurden geplündert und angezündet. Geschäfte, die von den Muslimen geführt werden, blieben verschont. In Paris wurde eine Synagoge zerstört. Offiziell wurde jedoch noch nicht bestätigt, ob in diesem Ausbruch des Volkszornes ausschließlich jüdische Geschäfte angezündet wurden oder nur vorwiegend jüdische.
Der Warenhaussturm von 1933 entstand nicht aus dem Nichts, es gab schon zuvor Übergriffe und Plünderungen. Der Antisemitismus damals hatte eine sehr lange Vorgeschichte und wurde über Jahrzehnte aufgebaut – sowohl in der Kaiserzeit, als auch in der Weimarer Republik. Die Boykottaufrufe tauchten auch nicht erst mit dem „Judenboykott“ auf, es gibt genügend nachgewiesene Fälle aus dem 19 Jahrhundert. Der heute so beliebte Ausdruck „Lügenpresse“, der schon um die 1848 entstand, wurde nahezu sofort zu „jüdischer Lügenpresse“ und kurz darauf auch zu „Judenpresse“ umgedichtet. Diese antijüdische Stimmung wurde kultiviert, bis sie alle Gesellschaftsschichten durchdrang und dann in der Nazizeit ihren Höhepunkt erreichte. Auch die Ereignisse in Frankreich haben eine Vorgeschichte – in 2014 wurden bereits jüdische Geschäfte und Synagogen angegriffen, in 2015, im Zuge des Angriffs auf Charlie Hebdo, wurde ebenfalls ein jüdischer Laden überfallen. Es gibt schon einen Grund, warum so viele französische Juden in den letzten Jahren ihr Land verlassen haben.
Nein, ich will nicht direkt behaupten, dass der 21 Jahrhundert dem Fahrplan aus dem 20sten folgt, auch wenn durchaus gewisse Parallelen bestehen. Geschichte wiederholt sich üblicherweise nicht – es sind die Menschen, die das tun.
