von Clara Sternfeld

KAPITEL II

Szene 42

Es ist kühl geworden, windig. Was für ein Unterschied zu der glühenden Hitze vor wenigen Tagen. Ein Blick zum Himmel verrät mir: Das wird heute kein kleiner Sommerregen.
Unschlüssig stehe ich am Ufer. Einzelne Tropfen schlagen auf die Oberfläche und bilden Miniringe. Die Enten scheinen sich in Sicherheit gebracht zu haben – ich sehe keine mehr. Aber auch sonst: weit und breit – niemand.
Vorsichtshalber ziehe ich meine wenigen Habseligkeiten unter dem Busch hervor, um sie in die Kapelle mitzunehmen. Die Stofftasche ist mittlerweile prall gefüllt. Zu eng für weitere Zeitungen. Obwohl ich Sport- und Anzeigenteile entsorge. Ich werde mich von einigen trennen müssen.
Unwillkürlich presse ich die Tasche an meinen Bauch. Der Regen wird stärker. Für solche Gedanken ist jetzt keine Zeit.
Ein letzter Blick auf das Wasser. Ich rufe nach den Enten. In letzter Zeit schnattern sie zurück, wenn ich mit ihnen spreche. Aber es bleibt still. Dann bin ich wohl allein übrig im Park.
Zügig gehe ich Richtung Parkausgang. Eine Regenjacke wäre nicht schlecht.
Nein, halt – drüben an der Straße, dort an der Bushaltestelle, sitzt ein Junge. Sein Schulranzen steht neben ihm auf dem Boden. Er drückt auf einem dieser Telefonier-Kästchen herum, aber er spricht nicht. Ich nehme mir vor, Richard bald danach zu fragen. Anscheinend hat jeder so ein Ding.
Drei größere Jungs tauchen auf – wie aus dem Nichts. Sie steuern direkt auf die Haltestelle zu. Vermutlich wollen sie sich ebenfalls beeilen, nach Hause zu kommen, bevor es richtig losgeht. Verständlich. Der Himmel verdunkelt sich zusehends.
Doch dann – sie bauen sich im Halbkreis um den Jungen auf. Was machen die? Ich bleibe stehen. Will sehen, was los ist. Sie reden auf ihn ein. Einer beginnt zu schreien. Ich bin zu weit weg, um etwas zu verstehen. Der Junge duckt sich. Dann entreißt ihm einer das Kästchen. Ein anderer schubst ihn. [1]
Jetzt wird es mir zu viel. Ich gehe entschlossen weiter in Richtung Bushaltestelle. Noch ein Stoß – der Junge kippt rückwärts gegen die Scheibe. Ich glaube, er weint. Er greift in seine Tasche und gibt dem Größten noch irgendetwas. Die anderen klatschen sich ab und lachen.
Ärger kriecht in mir hoch.
Und dann stockt mir der Atem – das ist doch Tom. Das muss Tom sein.
Erschrocken bleibe ich stehen. Dann beschleunige ich meinen Schritt. Doch so schnell wie sie gekommen waren, verschwinden die drei auch wieder.
Der Kleinere ist völlig aufgelöst. Ich sehe, wie er sich den Arm reibt. Noch bevor ich ihn erreiche, hält der Bus. Er greift nach seinem Schulranzen und steigt ein.
Das war Tom. Ich bin mir sicher. Erst jetzt merke ich, wie laut mein Herz schlägt. Wie schnell. Wie wütend ich bin.
Die Haltestelle liegt leer und verlassen an der Straße, als wäre nichts geschehen.
Große Tropfen fallen mir ins Gesicht, auf die Schulter. Ich setze mich in den Schutz der Haltestelle. Ich brauche einen Moment, bevor ich zur Kapelle gehen kann.

Szene 43

Diese Nacht kann ich mich überhaupt nicht erholen. Meine Gedanken kreisen um meine Familie, um Tom – aber auch um mich selbst.
Dazu regnet es in Strömen. Das Wasser steht knöcheltief auf den Straßen.
Durch das kleine Fenster sehe ich einige Leute aufgeregt mit Handlampen um ihre Häuser laufen.
Die Straßenlaternen verströmen gedämpftes Licht und der Regen sieht aus, als perlte er in langen Fäden auf die Erde.
In der Kapelle fühle ich mich sicher, und es ist auch einigermaßen trocken.
Einige der Zeitungen habe ich zum Trocknen vor dem Altar ausgebreitet. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass vor morgen früh noch jemand den Weg hierher findet.
Wie soll ich mich verhalten? Kann ich mit Vera über Tom sprechen?
Ich sollte es wenigstens versuchen.

Szene 44

Der Regen ist vorbei. Vom Gartentor aus sehe ich Vera im Garten hantieren. Ist der Boden nicht noch zu nass? Vom Gärtnern verstehe ich, dank Mama und unserem eigenen Garten, ja doch ein bisschen etwas.
„Vera!“, rufe ich, bevor ich das Tor öffne. Ich sehe mich kurz um – niemand zu sehen. Eigentlich ist doch Sommer. Vielleicht sind meine Urenkel hinter dem Haus, bei diesem großen Schwimmbad. Obwohl – der Wettereinbruch hat die Luft schon deutlich abgekühlt. „Vera!“, rufe ich lauter.
Sie winkt mich zu sich heran. Ich versuche, mich nicht allzu schmutzig zu machen – schließlich habe ich keinen vollen Kleiderschrank, aus dem ich schöpfen könnte.
Als Vera mein vorsichtiges Getänzel um die Matschhäufchen und Pfützen sieht, ist das Eis wieder gebrochen. Sie lacht schallend.
„Setz dich auf die Terrasse. Ich komme gleich. Ich mache das nur schnell fertig.“
Allein schon ihre Anwesenheit entspannt mich. Ich suche mir einen Platz auf einem ihrer Rattansessel in der Sonne. Die Wärme tut heute gut.
„Ich würde dir ja helfen, aber ich habe nichts …“, beginne ich halbernst.
„Nicht nötig. Ich hab‘s gleich.“
Mit einem lauten Krachen fällt das Gartentor ins Schloss. Vera und ich sehen uns verdattert an. Sie richtet sich auf, im Begriff, nachzusehen – auch ich stehe auf, bereit, Vera beizustehen.
Da fegt Leonie um die Ecke. Sie hat einen großen Karton unter dem Arm. Ein mit weihnachtlichen Motiven bedruckter Geschenkkarton? Zielstrebig stürmt sie auf mich zu.
„Na endlich! Darauf habe ich schon die ganze Zeit gewartet!“ Damit stellt sie den Karton auf den Terrassentisch.
„Ich will sofort wissen, wer Sie sind! Sie sehen aus wie mein Uropa Jakob Kleinschmidt. Aber haargenau so. Also? Wer sind Sie?“
Leonies Augen sprühen Funken. Sie ist ohne jede Scheu, ohne jede Schüchternheit. Sie steht ganz nahe, eine Faust in die Hüfte gestemmt – schaut mir direkt in die Augen.
Vera hat alles fallen lassen und kommt näher – nicht minder gespannt auf meine Antwort.
So viel zur Ruhe.
Während ich fieberhaft nach einer plausiblen Erklärung suche, öffnet Leonie den Karton. Alte Postkarten kommen zum Vorschein, Briefe, deren Anschriften noch in Sütterlin geschrieben sind, ein paar größere Papiere – wohl alte Dokumente – und schließlich Fotos. Zum Bündel geschnürt.
Leonie greift danach, löst das goldrote Band und nimmt das oberste Foto. Sie hält es mir vor das Gesicht.
„Das ist ein Verwandter von euch, Leonie“, mischt sich Vera ein, die meine Verlegenheit erkennt.
„So ähnlich? So genau gleich?“, gibt Leonie wirsch zurück. Ich ahne, dass sie sich nicht mit einer fadenscheinigen Ausrede zufriedengeben wird.
„Darf ich die Bilder sehen?“, frage ich vorsichtig und strecke ihr die Hand hin.
Nach kurzem Zögern reicht sie mir den Stapel.
Mit den Fotos in der Hand setze ich mich wieder. Mein eigenes Gesicht schaut mir auf vergilbtem Fotopapier entgegen. Das Foto war, meine ich, während meines letzten Besuchs in der Heimat entstanden. Ich trage schon meine Uniform – jene, die nun in meiner Stofftasche ruht. Versteckt hinter dem Altar.
Das nächste Bild ist ein Hochzeitsfoto. Unser Hochzeitsfoto. Wie glücklich wir aussehen. Vorsichtig streiche ich über das alte Bild.
„Das war unser Hochzeitstag“, sage ich – ohne zu merken, dass ich laut gesprochen habe. Raum und Zeit verschwimmen. Es ist, als sähe ich Helga vor mir.
„Wir waren so unendlich glücklich. Eigentlich mussten wir heiraten. Melanie war schon unterwegs. Aber niemand zwang uns. Wir wollten es. Nicht, weil es sich gehörte, sondern weil es richtig war. Wir liebten uns. Und wir wollten für immer zusammen sein. So oder so.“
Ein weiteres Foto zeigt uns drüben im Garten. Man sieht uns den Krieg an – und doch …
„Da ist sogar noch meine Werkstatt, seht ihr …“
In diesem Moment wird mir bewusst, dass mich zwei aufgerissene Augenpaare anstarren. Vera ist aschfahl im Gesicht. Leonie steht wie versteinert da, den Mund leicht geöffnet. Sie ringt nach Atem.
Tom ist für heute vergessen.
„Setzt euch. Ich erzähle euch die ganze Geschichte.“

1 https://www.familienhandbuch.de/babys-kinder/entwicklung/jugendliche/herausforderung/AbziehenundAbzocken.php