Da schwadroniert eine „CDU-Influencerin“, ihres Zeichens Schatzmeisterin der Jungen Union öffentlich darüber, dass man sich der blaubraunen AfD annähern müsse, erklärt die Brandmauer zum gescheiterten Projekt und führt an, dass „mit diesem Kanzler keine Wahlen mehr zu gewinnen“ seien.

Wie jetzt? Der Sinn der Politik ist demnach der Erhalt von Macht und Posten? Ich dachte immer, es geht um das Wohl des Landes und seiner Menschen. Aber das scheint ja hier eindeutig nicht das Vorhaben zu sein, denn wer einmal das Parteiprogramm  der AfD sinnentnehmend gelesen hat, der weiß, dass diese Partei eben nicht das bereits angesprochen Wohl der Allgemeinheit anstrebt. Und wer deren Politik salonfähig macht, indem er Inhalte übernimmt (fruchtet nicht, die Leute wählen dann eben doch das Original) oder sich zum Zwecke der Mehrheitsbildung dieser Partei anbiedert, macht sich mitschuldig. Hatten wir alles schon ‘mal. Erschreckend ähnlich. Vor ca. tausend Jahren. Also 1933.

Im Ernst, Leute: Wir stehen vor einer sehr schwierigen Situation. Die alten Volksparteien haben ihre Seele verloren. Die einen vertreten nicht mehr, wie seit Urzeiten, die Belange der Arbeiter sondern biedern sich der Wirtschaft und der Hochfinanz an, die anderen kämpfen um Machterhalt indem sie die einfachen Lösungen der Bauernfänger übernehmen (mit sehr fragwürdigen Ergebnissen, wie gesagt) und die dritten erscheinen einigen mit ihrem Hauptklientel aus Lehrern und Professoren als abgehoben.

Natürlich fällt es da schwer, eine Wahlentscheidung zu treffen. Und klar: Einfache Lösungen klingen verlockend. Aber Tatsache ist: Diejenigen, die heute mit ihrer Stimme der AfD überwiegend zu ihren Wahlerfolgen verhelfen sind genau diejenigen, die unter einer AfD-geführten Regierung am meisten leiden werden. Mit keiner Partei in der deutschen Parteienlandschaft wäre – Umsetzung vorausgesetzt – die Umverteilung von unten nach oben krasser als ausgerechnet mit der AfD.
Und – auch eine Tatsache, leider ebenfalls eine unbequeme: Einfache Lösungen gibt es in komplexen Gesellschaften wie der unseren nicht.

Abschiebung in großem Stil? Remigration? Klar, kann man machen. Das wäre der Tod für viele Wirtschaftszweige (unter anderem für Gesundheitsvorsorge und Pflege).

Rückkehr zu einer eigenen Währung? OK, spielen wir’s durch. Eine deutsche Währung würde an den Geldmärkten augenblicklich massiv aufwerten. Das bedeutet, die Erzeugnisse der Exportnation Deutschland würden im Ausland erheblich teurer und das hätte zur Folge, dass sich bisherige Abnehmer nach anderen Quellen umsehen müssten. Maschinenbau aus Deutschland? Tot.

Abschaffung der Schulpflicht? Dass Deutschland aktuell in der PISA-Studie immer weiter absackt, habt ihr aber mitbekommen, oder? Und in der Situation Bildung noch weiter auszuhöhlen kann nur der Absicht folgen, ein möglichst dummes und damit leicht manipulierbares Volk heranzuzüchten. Dann wird es auch leichter, Grundpfeiler der Demokratie zu demontieren.

Vielleicht müssen wir doch mit den schwächelnden demokratischen Parteien leben, ihnen – trotz Bauchschmerzen – unsere Stimme geben in der Hoffnung, dass sie zu ihrer Identität zurückfinden. Vielleicht könnten wir auch einmal auf die kleineren Newcomer schauen, ob die nicht interessante Ansätze bieten. In jedem Falle sind demokratische Parteien den undemokratischen Extremisten vorzuziehen. Auch wenn diese derzeit schwächeln, ist das allemal noch das kleinere Übel.

Die allgemeine Politikverdrossenheit ist keine Entschuldigung, ausgewiesenen Faschisten das Ruder zu überlassen. Es braucht unser aller Engagement, um die Demokratie, um die Freiheit zu erhalten.