Die Urlaubszeit ist fast vorbei – nutzen wir doch die letzten warmen Tage für eine Reise. Ich hätte ein schönes Ziel anzubieten – das Mittelmeer. In erster Linie das östliche – mit Griechenland, Ägypten, Vorderasien und dem ganzen Rest. Na? Interessiert? Für alle, die schon ihre Koffer packen wollen, kommt jetzt die Ernüchterung – um Doc Brown zu paraphrasieren: da wo wir hinreisen, brauchen wir keine Koffer. Es geht nämlich ein Stück weit in die Vergangenheit, um genauer zu sein – etwas mehr als 3000 Jahre zurück. In das Bronze-Zeitalter. Es mag dem einen oder anderen als eine ungewöhnliche Wahl erscheinen – schließlich klingt es verdächtig nach dem 3 Platz – aber diese Zeit hat durchaus einiges zu bieten, gerade in der Ecke, die wir uns anschauen wollen.

Das östliche Mittelmeer – bzw. die Länder drumherum – sind in dieser Zeit „the place to be“, wenn man die zivilisatorische Entwicklung beobachten möchte – es entstehen laufend neue Städte, neue Imperien werden gegründet oder auch zerstört, Völker und Volksgruppen mischen sich, bilden Allianzen und gehen wieder getrennte Wege. Es ist eine sehr dynamische Zeit, wo nur wenige Konstanten existieren: im Norden sind es die Griechen. Die Minoische Kultur ist zwar bereits Vergangenheit, doch ihre Nachfolgerin – die Mykenische Kultur – befindet sich auf ihrem Höhepunkt. Rechts daneben, in der heutigen Türkei, ist das mächtige Hethiter-Reich – eines der größten Imperien dieser Zeit und der große Rivale des dritten Hauptakteurs: Ägypten. Es gibt noch weitere größere Reiche, doch die sind relativ weit weg: die Assyrer im heutigen Nordirak, die Elamiter im Südirak, die Arier (diesmal aber die echten) in Indien und die Chinesen (Shang) überraschenderweise im heutigen China.

Aber es gibt auch einige kleinere Völker, meist von den größeren unterjocht – die Phönizier, die Kanaaniter, die Amoriter (oder auch Amurriter – hat nichts mit Amur und Rittern zu tun, heißen nur so), die Ugariter, die Midianiter, die Aramäer – um mal einige zu nennen. Viele von denen sind nomadisch oder halb-nomadisch, weswegen es auch kaum möglich ist, ihre Siedlungsgebiete etwas genauer festzulegen. Das ist auch generell ein gewisses Problem, denn feste Staatsgebiete mit klaren Grenzen sind eine recht neue Erfindung – damals hätte man so etwas für absurd gehalten, schließlich ist ein großer Teil der Region von Wüsten bedeckt, wo nur wenige Oasen tatsächlich bewohnt sind – oder von Bergen, wo auch nur ganz wenige Siedlungen existieren. Wer soll da schon Grenzen ziehen – oder, viel schlimmer noch – wer soll sie bewachen? Von daher sind es primär die Städte und die umliegenden, bewirtschafteten Gebiete, die die Ausdehnung eines Reiches andeuten.

Was für die Zeit charakteristisch war, waren die Handelsnetzwerke. Die meisten Städte wurden entlang der Handelsrouten gegründet und viele der Reiche oder Siedlungsgebiete hatten die Form, die durch Handelsstraßen vorgegeben wurde – wobei natürlich auch die Wege selbst durch das Vorhandensein von Siedlungen beeinflusst wurden. Das, was man in Europa meist erst mit dem Mittelalter und Marco Polo assoziiert, nämlich die Seidenstraße, war schon in der Bronzezeit (also knapp 2500-3000 Jahre zuvor) eine wichtige Handelsverbindung zwischen Ost und West. Zinn, die Hauptkomponente der Bronze, die der Zeit ihren Namen gab, kam nämlich häufig aus dem heutigen Afghanistan. Kupfer (die zweite Hauptkomponente) hingegen war im Mittelmeerraum recht verbreitet. Aber auch diverse andere Mineralien, Edelsteine, Stoffe, und auch Konsumgüter und Nahrung fanden ihren Weg von West nach Ost oder andersherum. Und mit ihnen kam das Wissen, und die kulturellen Einflüsse, und die Sprache. Es war tatsächlich so, dass man trotz der Vielzahl an Völkern, die alle ihre eigenen Sprachen hatten, man sich auf gemeinsame „lingua francas“ einigen konnte – mal war es Aramäisch, mal Akkadisch oder auch mal Assyrisch – entlang der Handelswege sprach man immer eine gemeinsame Handelssprache.

Und man teilte Geschichten: es gab mal eine, wo es um die Belagerung von Jaffa (damals Joppa) ging – die Stadt wehrte alle Angriffe ab und die Angreifer (es waren die Ägypter) schafften es einfach nicht, die Stadt einzunehmen. Und damit es dann doch irgendwie voranging, luden die Ägypter den Oberbefehlshaber der Stadt zu sich ein, um mit ihm zu verhandeln. Als der Mann ankam, schlug man ihn bewußtlos und schickte ihn zurück mit einigen schwer beladenen Pferden und der Nachricht, dass der arme Mann etwas zu viel gefeiert hat, denn man habe sich geeinigt. Und mehr noch – die Ägypter würden abziehen und gar Tribut für die entstandenen Schäden zahlen. Deswegen auch die Pferde mit der Ladung. Und so ließ man sie alle in die Stadt, wo die ägyptischen Soldaten, die in den Taschen anstelle der Ladung versteckt waren, heraussprangen und die Stadt von innen eroberten. Na – kam euch die Geschichte bekannt vor? Die Griechen recycelten die Erzählung einige Jahrhunderte später, indem sie das Ganze in den Kontext des Trojanischen Krieges verpflanzten und sich zum Hauptdarsteller machten. Und wiederum einige Jahrhunderte später wurde die Story nochmal gecovert – diesmal in den arabischen Märchen von Ali Baba und den 40 Räubern. Ist aber auch eine echt gute Geschichte.

Eine weitere Geschichte, die in dieser Zeit stattgefunden haben soll, steht in einem anderen Buch – in der Bibel. Ihr erinnert euch vielleicht an den Auszug aus Ägypten – erst wurde der Nil blutrot, dann kamen die Frösche, dann die Mücken, dann die Stechfliegen, dann die Viehpest, dann die Geschwüre, dann der Hagel, dann die Heuschrecken, dann die Dunkelheit … Ich denke, ich sollte Ägypten von der „place to be“-Liste streichen – das klingt irgendwie nicht nach einem entspannten Sharm El-Sheikh Urlaub und auch die Israeliten nahmen die Gelegenheit wahr und haben kurzfristig auf Kanaan umgebucht. Aber die interessante Frage wäre – mal von der Einmischung von oben abgesehen – was wurde denn plötzlich faul im Staate Ägypten und ist das ansteckend? Nun, wie bei fast allem, was länger zurück liegt, gibt es da haufenweise Meinungen und deutlich weniger Fakten. Wenn es aber um die Bibel geht, kann man die Historiker grob in zwei Gruppen aufteilen – die „Bibeltreuen“ und die „Naturwissenschaftler“. Die ersten halten die Bibel für unfehlbar und die anderen versuchen dem Ganzen eine wissenschaftliche Erklärung zu liefern, die ohne Moses auskommt.

Folgen wir mal ganz kurz den letzteren. Seit dem Neolithikum, um genau zu sein, seit dem „Holozänen Optimum“ gegen 6000 vor unserer Zeitrechnung, kühlte sich die Erde langsam ab. Das Wort Neolithikum übrigens – aus dem damals recht verbreiteten Griechischen in die hiesige Sprache übersetzt – heißt Neu-Steinzeit, anders auch Jungsteinzeit genannt. Neo ist dabei der Typ aus der Matrix und lithos ist ein Wort, das die Deutschen im anderen Kontext ständig falsch aussprechen. Also – Stifte raus und notieren – „Lithos“ bedeutet Stein und wird mit einem T ausgesprochen (selbst im Deutschen) – und das gilt für alle davon abgeleiteten Worte, inklusive des heiß begehrten und nur an wenigen Orten in großen Mengen vorhandenen Lithiums – da steckt immer noch ein lithos-T drin und kein C/Z oder irgendein anderer Zischlaut, der gerade im Trend liegt. Aber wir schweifen ab. Die bereits erwähnte Abkühlung des Planeten kam aus irgendeinem mysteriösen Grund gegen 1850 unserer Zeit zum Halt und wurde seitdem erfolgreich bekämpft. Und zwar so erfolgreich, dass wir aktuell die durchschnittlichen Temperaturen der damaligen Zeit schon übertroffen haben und mit etwas mehr Elan schaffen wir auch das ebenfalls erwähnte „Optimum“, welches bei etwa 2,5 Grad über dem vorindustriellen Zeitalter liegt. Aber zurück zu der Bronzezeit.

Die globale Abkühlung hat (wie auch die globale Erwärmung) häufig negative globale Auswirkungen – auch wenn sie lokal auch Vorteile bringen kann. Die Abkühlung in Europa und dem Mittelmeerraum sorgte damals für lange Trockenzeiten und sogar Dürren. Was vielleicht irritierend klingt, hat eine einfache physikalische Erklärung – je wärmer das Wasser der Weltmeere, desto mehr Verdunstung und je wärmer die Luft, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen. Abkühlung bedeutet, dass weniger Wasser verdunstet, weniger davon in der Luft ist und dementsprechend gibt es auch weniger Regen. Und dieser Effekt traf damals Europa, Afrika und Vorderasien recht stark. Jahre, Jahrzehnte und gar Jahrhunderte gab es zu wenig Niederschlag und alle Tricks der Menschen reichten nicht mehr aus. Ihr erinnert euch an die Zehn Plagen? Es gibt Vermutungen, dass der Staub aus südlicheren, bereits stark ausgetrockneten Regionen, den Nil blutrot gefärbt haben könnte. Magere Ernten fielen den Heuschrecken zum Opfer und als alles abgefressen war, machten sich die Schwärme Richtung Norden auf, wo es noch Futter gab. Abgemagerte Tiere sind anfälliger für Krankheiten und Parasiten und falls sie in großer Menge verenden, können sie auch ganze Regionen verseuchen, inklusive Flüsse. Und die Mücken und Fliegen würden auch nicht an dem Ort bleiben, wo es kaum Tiere mehr gibt – auch sie würden nach Norden wandern, ans Meer, wo es mehr Leben gibt. Es sind natürlich keine Beweise, dass die Bibel ebenfalls die Dürren beschreibt – aber es können Indizien sein.

Und die Dürre war ja noch nicht vorbei. Es scheint so, als wurde Mitteleuropa als erstes unbewohnbar. Die Menschen packten ihre Sachen und machten sich auf den Weg Richtung Meer. Dank ihrer ausgedehnter Handelsbeziehungen, konnten sich die Küstenstaaten gegenseitig mit Nahrung versorgen, doch die großen Wellen der Migration wurden zum Problem für die angespannte Situation. Und es kam noch schlimmer. Die Region ist bekanntermaßen auch geologisch instabil und ist bis heute eine der aktivsten. Dort treffen mehrere Kontinentalplatten aufeinander, was immer wieder für Erdbeben und Vulkanausbrüche sorgt. Schlagen wir nochmal die Bibel auf – die vorletzte Plage ist eine dreitägige Dunkelheit, und die letzte – der Tod der Erstgeborenen. Es ist nicht unmöglich, dass ein oder mehrere Vulkanausbrüche die Sonne (für eine gewisse Region) verdunkeln – das geschah schon häufiger – zuletzt im Jahr ohne Sommer (1816, auch „Achtzehnhundertunderfroren“ genannt) – da war die Hauptursache ein sehr heftiger Vulkanausbruch in Indonesien (!), welcher so viel Staub in die Luft geschleudert hat, dass die Sonne in Europa verdunkelt war. Und auch die Tatsache, dass sich das Meer vor den Israeliten geteilt hat, könnte damit zusammenhängen – Vulkanausbrüche gehen häufig mit Erdbeben einher und letztere sorgen gelegentlich für Tsunamis. Und wenn man an der Küste lebt, wo Tsunamis häufiger sind, dann weiß man, dass gerade vor den größeren Tsunamis das Wasser stark zurückgeht – wie bei der Ebbe, nur halt ggf. zur falschen Zeit. Und dann kommt das Wasser in Form einer Riesenwelle zurück – zum Glück für die Israeliten, denn so ertranken die Armeen des Pharaos, mit denen er die Flüchtlinge hat stoppen wollen.

Bleiben wir mal bei der Bibel – die Israeliten erreichen das Land Kanaan und erobern diverse Städte. Am interessantesten ist vielleicht die Schlacht bei Jericho: der Herr befielt den Israeliten, den Angriff mit dem Blasen der Widderhörner zu beginnen – und angeblich waren die Hörner und das Kriegsgeschrei so laut, dass die Mauern der Stadt zusammengebrochen sind. Ohne jetzt auf die musikalischen Talente der Israeliten eingehen zu wollen – aber klingt die Beschreibung nicht ebenfalls eher nach einem Erdbeben? Laut den Archäologen, fiel Jericho irgendwo im 13 Jahrhundert vor unserer Zeit. Und nicht nur Jericho – von Mykene in Griechenland, Troja und die Hauptstadt der Hethiter in der Türkei, Ugarit in Syrien, Jericho, Jerusalem, Beisan, Megiddo und Jaffa im heutigen Israel, bis hinunter nach Ägypten wurden Städte anscheinend durch Erdbeben zerstört, mal inklusive Eroberung, mal ohne sie – aber von ca. 1250 bis etwa 1150 gab es in der Region anscheinend das, was man heute Erdbebenschwarm nennt. Die längsten solchen Serien, die durch moderne Anlagen aufgezeichnet wurden, dauerten etwa 2 Jahre – die bekannteste ist wohl der Matsushiro-Schwarm von 1965 bis 1967 mit etwa einer Million aufgezeichneter Beben. Und jetzt stellt euch eine Serie vor, die anscheinend fast 100 Jahre andauerte…

Die Menschen an den europäischen Mittelmeerküsten, insbesondere in Italien und Griechenland – dort, wo es Hochkulturen, Reichtum und, vor allem, Nahrung gab – wurden fast überrollt von den Wellen der Migranten aus dem Norden und Westen, die vor der Dürre und vielleicht auch vor Erdbeben und anderen Katastrophen flohen. Die Kulturen brachen zusammen. Die Nahrung reichte nicht mehr und jetzt mussten die dort lebenden Menschen selbst die Entscheidung treffen, wie sie ihre Familien ernähren können. Als gute Seefahrer, setzten sich viele in ihre Boote und wurden von Fischern zu Piraten. Eine wilde Mischung aus diversen europäischen Volksgruppen machte sich auf dem Land und auf dem Wasser auf, eine neue Heimat zu suchen. Und das naheliegendste Ziel war die Ostküste des Mittelmeeres mit dem großen und mächtigen Hethiterreich, oder die Kornkammer des Mittelmeerraums: Ägypten; doch auch alle Orte und Regionen dazwischen wurden zum Ziel, denn auch da schien die Lage sicherer und stabiler zu sein. Doch leider nicht zu dieser Zeit. Die Bibel, die Keilschrift-Tafeln aus Ugarit oder auch die Wandreliefs aus Ägypten – alle berichten von der schier unglaublichen Menschenflut, die an ihren Küsten landete, ihre Städte überfiel und eroberte, ihre Bewohner tötete. Ihr Name in der Bibel: die Seevölker. Man kennt sie aber auch unter einem anderen Namen: die Philister. Goliath – ein Philister – war einer von denen, die Israel überfielen und zumindest an dem Tag nicht erfolgreich waren.

Ägypter, zumindest laut ihren Wandreliefs, waren ebenfalls in der Lage, die Philisterinvasion abzuwehren. Andere Länder hatten weniger Glück – egal, ob kleine Staaten wie Ugarit, oder große, wie das Hethiterreich – viele, durch Erdbeben und Dürren gebeutelte Länder waren nicht mehr stark genug, um sich vor den neuen Einwanderern zu schützen und brachen zusammen. Und mit ihnen gingen auch alte Kulturen, Sprachen und auch Handelsbeziehungen verloren. Das Babylonische Sprachgewirr. Und auch die Bronzezeit selbst endete, denn diese Umwälzung hob einen Großteil der bekannten Welt aus den Angeln und zeichnete die Karten neu. Nicht wenige Historiker sehen da übrigens gewisse Parallelen zu der heutigen Zeit, auch heute wirken mehrere globale Faktoren zur gleichen Zeit auf die Staaten und deren Bewohner ein – die Klimakrise, die angespannte politische Lage, die Migration, wohl bedingt durch die ersten beiden Faktoren, der mögliche Verlust von einigen Handelswegen (man denke beispielsweise an Hormuz und Bab al-Mandab) – wenn hier noch ein-zwei Faktoren hinzukommen, wird es sich zeigen, was wir aus der Geschichte gelernt haben. Aber das ist eine andere Geschichte…

Und was die Protagonisten dieser Story angeht – einige von ihnen werden uns wieder begegnen. Die Ägypter wurden nicht ganz so schlimm getroffen und rappeln sich später wieder auf, auch wenn sie nicht ganz an ihre Glanzzeit anknüpfen können. Die Philister, die sich jetzt primär in Syrien und Anatolien niedergelassen haben, werden uns später auch noch begegnen. Die ehemals syrischen Phönizier, die von den Philistern vertrieben wurden, schwangen sich in ihre Boote und verteilten sich über die Küsten Spaniens und Nordafrikas. Und eine kleine Siedlung im heutigen Tunesien, mit einem schönen natürlichen Hafen, wurde zu ihrer neuen Hauptstadt, Karthago. Bedingt durch den Niedergang des Mykenischen Reiches, blühten einige der ehemaligen griechischen Provinzen auf, unter ihnen die Etrusker im heutigen Toskana. Zusammen mit den aus dem Norden eingewanderten indogermanischen Italikern und Latinern formten sie später das römische Königreich. Und die Israeliten? Sie gingen auf eine gewisse Weise sogar gestärkt aus dem Umbruch hervor – sie gründeten kurz darauf ihren ersten eigenen Staat.

Fortsetzung folgt …