Es ist kurz nach 18 Uhr und die Gedanken kreisen irgendwo im Schädelraum und wollen nicht so richtig landen. Es ist eigentlich nichts passiert – draußen scheint die Sonne, es ist noch immer ein Sonntag – es sind nur ein paar Zahlen und Farben im Fernseher und, da muss man ehrlich sein, sie sind mehr oder weniger so, wie man sie schon Dutzende Male vorher gehört hat. Aber es ist etwas passiert – die Theorie ist der Wirklichkeit gewichen. 80% der Menschen eines Bundeslandes waren in den Wahlkabinen oder haben schon zuvor, per Brief, ihre Meinung kundgetan – und fast die Hälfte von ihnen – das sind, grob geschätzt, etwa 700.000 Menschen, haben für die AfD gestimmt. Sieben Hundert Tausend … Wäre das eine Stadt, wäre es die sechstgrößte Stadt Deutschlands, nur etwas kleiner als Frankfurt am Main. Und das nur aus einem einzigen, recht dünn besiedelten Bundesland.

Ich war schon einige Male in Frankfurt – nicht unbedingt meine Lieblingsstadt, aber darum gehts gerade nicht – die Stadt ist ganz schön groß. Unfreiwillig drängt sich das Bild auf: man kommt am Bahnhof an, tritt durch die Tore und würde gerne Richtung Kaiserstrasse gehen – aber da stehen Menschen und versperren den Weg – Hunderte, Tausende, Zehntausende, alle mit dem gleichen Blick, der sagt – du bist hier nicht willkommen, das ist nicht mehr deine Stadt, nicht mehr dein Land … Kein gutes Gefühl. Denn man fühlt sich alleine im Angesicht dieser Menge. Man fühlt sich machtlos.

Doch genau darum geht es – um Macht. Sie berauschen sich gerade daran, sie fühlen sich unbesiegbar – denn auf eine gewisse Art waren sie es bisher, sie wurden stärker vom Tag zu Tag – und diese Macht zieht noch mehr Menschen an und verleiht ihnen so noch mehr Macht. Diese Macht gibt denen Stimme, die bisher dachten, sie hätten keine; sie gibt den Kanal denjenigen, die bisher nur Wut kannten; und sie gibt ein Druckmittel denjenigen, die bisher dachten, die Macht sei an ihnen vorübergegangen. Die Menschen, die sich (noch immer – oder vielleicht schon wieder) für die Herrenrasse halten und die wie B-Ware behandelt wurden, greifen zu den Waffen. Zu denen, die die demokratische Gesellschaft parat hat, die der Gesetzgeber erlaubt. Doch wie lange noch? Wo landet der nächste Schritt und auf wem? Die Menschen, die glauben, die innerdeutsche Mauer zur Fall gebracht zu haben, reißen jetzt die Brandmauer nieder oder überschreiten sie.

Ja, da hat sich wohl einiges angestaut – die Schmach nach der Wiedervereinigung, die fehlende Akzeptanz, die ständige Abwertung, die wegziehende Jugend, die verlassenen Alten, die fehlende Arbeit, das ständig fehlende Geld. Das Geld ist wahrscheinlich der eigentliche Grund dieser Unzufriedenheit – es fehlt den Menschen, den Kommunen, dem Land. Und die Tatsache, dass man einen Wessi-Millionären zum Kanzler gewählt hat, damit er in der Zeit, wo viele, selbst halbwegs wohlhabende Menschen, sich Sorgen um ihre Existenz machen, über die sozial schwachen spotten und sich selbst hingegen, bescheiden wie er ist, in der Mittelschicht verorten konnte.

Ob es darum geht, dass die AfD noch weniger Lösungen hat als die anderen? Wahrscheinlich nicht – aber sie scheint ein Balsam für ihre Wunden zu haben. Im Film „Matrix“ hieß es mal – „Unwissenheit ist ein Segen“. Man will nicht von Erfolgen anderer oder von eigenen Problemen hören – schalten wir doch einfach MDR ab. Man will nicht sehen, dass irgendwelche Menschen, mitunter ohne Sprachkenntnisse, ohne deutscher Ausbildung, mit fehlendem sozialen Netz, welches einen stützen könnte, im selben Land etwas erreichen, in dem man selbst trotz besserer Startvoraussetzungen versagt – also werfen wir sie einfach raus. Schließen wir uns in unserer Blase ein und fühlen uns wieder gut. Wir sind wieder wer! Und die da oben sollen zittern.

Eigentlich fällt mir hier ein anderer Film ein – Evolution – ein recht alberner Streifen, doch mit einem symbolischen Bild. Es geht dort, unter anderem, um sich schnell entwickelnde Aliens, die quasi eine parallele Zivilisation auf der Erde aufbauen und dann (wegen der menschlichen Eingriffe) von einer deutlich primitiveren, amöbenartigen Lebensform zerstört und absorbiert werden. Unsere Amöbe ist das einfache Denken. Verstecken wir unsere sozialen Probleme hinter einem „Gucken verboten“-Schild, lösen wir die gesellschaftliche Probleme mit Strafverschärfung, entfliehen wir unseren wirtschaftlichen Sorgen durch Schlagbäume an den Grenzen. Im Film wurde die Amöbe besiegt, doch zuerst zerstörte sie die Evolution. Ein Bild mit Symbolcharakter?