Roman: Der Veteran (Teil 10)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 22
Letzte Nacht sagte ein Polizist zu mir: „Die Menschen verrohen zusehends.“ Das war, als er merkte, dass ich keine Adresse nennen konnte. „Sie sollten sich ein sichereres Plätzchen suchen.“
Das junge Paar wurde befragt. Ich musste eine Zeugenaussage machen. Genau beschreiben konnte ich die Jugendlichen nicht, aber es waren zwei Jungen und ein Mädchen. Ich schätze, sie waren zwischen sechzehn und neunzehn. Mehr nicht.
Eine Sanitäterin hatte sich noch meine Hände angeschaut, aber mehr als ein kleines Brandloch in meinem Hemd hatte ich nicht abbekommen. „Überfälle und Übergriffe auf Wohnungslose nehmen drastisch zu“, sagte sie. „Wir wurden diesen Monat schon zu drei Fällen gerufen. Wir selbst werden auch immer wieder angepöbelt oder sogar angegriffen.“
Dass sie mir das so auskunftsfreudig erzählten, wunderte mich. Vielleicht machten sie sich einfach Sorgen um mich. Und wollten, dass ich das verstehe.
Aber wieso verrohen die Menschen so? Sie haben doch alles. Oder etwa nicht? Was hat man davon, wenn man die Ärmsten oder Schwächsten in der Gesellschaft angreift, sie verletzt oder sogar umbringt?
Die Polizei hatte ein Band um den „Tatort“ gezogen. Ich kann nun nicht wieder auf meine Bank zurück. „Wir bringen Ihren Kumpel ins Städtische, falls Sie ihn besuchen möchten“, hatten sie noch gesagt. „Sollen wir Sie in eine Notunterkunft mitnehmen?“ Ich schüttelte den Kopf.
Und dann ist alles wieder still.
Lothar und ich – wir waren als Jugendliche auch hier im Park. Aber gewalttätig waren wir nie gegen arme Menschen. Vielleicht stritten und prügelten sich Jugendliche mal untereinander, aber so etwas – nein.
Ich versuche mich zu erinnern. Es gab hier irgendwo eine kleine Kapelle. Wirklich eine ganz kleine. Wo war denn die?
Automatisch gehe ich in Richtung unseres Hauses. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es war gar nicht weit. Nur um die Ecke. Sollte es die Kapelle noch geben, hätte ich auch einen trockenen Platz bei schlechtem Wetter gefunden.
Szene 23
Anscheinend werde ich die nächsten Tage nicht zu meinem Platz am Fluss zurückkehren können. Die Bänke sind immer noch abgesperrt hinter rot-weißen Bändern. Immerhin gelingt es mir, den Beutel mit der Uniform und den Zeitungen unter dem Busch hervorzuziehen. In der Kapelle werde ich bestimmt ein Plätzchen finden, der sich als Versteck eignet.
Die Polizei hat alle Sachen des Obdachlosen mitgenommen. Brandspuren im Holz der Bank und Asche bezeugen noch die Vorgänge letzter Nacht.
Merkwürdig, wie schnell man sich an etwas – oder jemanden – gewöhnen kann. Denn leises Bedauern, dass er vorerst nicht mehr wiederkommt, macht sich bemerkbar.
Ich will ihn besuchen. Im Städtischen Klinikum. Aber nicht gleich heute.
Als ich mich zum Gehen wende, quakt die Entenfamilie. Lachend rufe ich ihnen zu: „Soso, ihr also auch!“
Szene 24
Ein bisschen verloren stehe ich vor Veras Haus. Ich habe kein Thema, keine Frage, keinen Grund, hier zu sein.
So vergehen lange Minuten.
Im Haus gegenüber regt sich nichts. Von meiner Familie scheint niemand zu Hause zu sein.
„Möchtest du mit reinkommen?“
Ich fahre erschrocken herum. Vera. Wie schafft sie es nur, so leise hinter mich zu treten? „Wenn es dir nichts ausmacht – gerne.“
„Warum sollte es? Komm rein. Ich freue mich über ein wenig Abwechslung.“
Ich greife nach einer ihrer Taschen und folge ihr in die Küche.
„Du hast ganz schön viel eingekauft, Vera. Erwartest du Besuch?“
Sie lacht. „Nein, aber ich fahre nur einmal die Woche zum Discounter und hole meinen Wochenvorrat.“
„Discounter? Was soll das sein? Meinst du einen Supermarkt?“
„Ja genau, das meine ich. Wieso kennst du ‚Discounter‘ nicht? Woher kommst du?“
„Oh – aus einer anderen Ecke. Einer ganz anderen.“
Vera sah mich groß an, sagte aber nichts.
Ich stelle die Tasche auf die Anrichte.
„Danke. Möchtest du einen Kaffee? Ich mache großartigen Kaffee, weißt du.“
„Nein danke. Ich möchte nichts.“ Wieder sieht sie mich an – und sagt nichts.
„Aber ich vertrage jetzt einen. Setz dich, Einkaufen schlaucht. Ich habe noch Getränkekisten im Kofferraum. Aber was will man machen.“
„Soll ich dir nachher dabei helfen? Ich bin gut im Schleppen.“
„Abgemacht. Aber jetzt setz dich doch.“
„Ich koche immer noch so gerne. Sogar für mich allein. Früher hatte ich eine Kneipe. Da war immer viel los. Ich habe es geliebt, dieses Leben.“
Unauffällig sehe ich mich in Veras Küche um. Alles sauber, alles gepflegt, auch der Garten, den ich durch das Küchenfenster sehen kann.
„Du wirkst heute so anders, ist alles in Ordnung?“ fragt sie, während sie ihre Einkäufe verräumt.
‚Nein. Nichts ist in Ordnung‘, denke ich – aber ich sage nichts.
„Wenn etwas ist – ich kann zuhören. Und schweigen.“ Sie setzt sich zu mir.
„Unzählige Menschen sind bei mir ein und aus gegangen: Fröhliche, Feiernde, Betrunkene, Gescheiterte, Verliebte – aber auch Traurige. Ich merke so was ziemlich schnell, weißt du.“
Aber ich sage nichts. Ich kann nicht.
Vera wechselt das Thema: „Hast du jetzt schon jemanden von deiner Familie getroffen?“
Erleichtert gehe ich darauf ein: „Ja, ich war kurz bei Melanie. Aber sie hat mir nicht geglaubt, dass wir verwandt sind.“
Kaffeegeruch durchzieht den Raum. Vera holt sich ihre Tasse und sieht mich fragend an. Ich schüttle den Kopf.
„Lass ihr Zeit. Nächste Woche ist ein Aktionstag von ‚Fridays for Future‘. Dort ist bestimmt auch Leonie. Soll ich mit dir hinfahren? Es ist nicht weit.“
„Das würdest du tun?“ Mein Herz beginnt zu klopfen.
„Wenn du möchtest.“
Und wie ich möchte.
Es hält mich nicht mehr auf dem Küchenstuhl. So springe ich auf.
„Komm, wir holen deine Getränke!“
„Jetzt lass mich doch wenigstens noch in Ruhe meinen Kaffee trinken.“
„Ach so, entschuldige!“ Also setze ich mich wieder.
