Roman: Der Veteran (Teil 9)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 20
Menschen sitzen in Straßencafés, vor Restaurants, und es gibt einen Laden, da steht Eisdiele auf einem großen Schild über der Tür. Eine lange Schlange steht geduldig vor einem großen geöffneten Fenster mit einer Auslage. Vermutlich gibt es dort die Eissorten zu sehen. Hier herrscht sicher kein Krieg. Sie spazieren mitten auf der Straße. Als gehöre sie ihnen. Auf der Straße, von der ich gekommen bin, sind viele Fahrzeuge unterwegs, aber niemand biegt in diese Straße hier ab. Wie schön. Eine Ruhestraße.
Seltsam – so viele Schaufenster sind von innen zugeklebt. An manchen steht „Zu vermieten!“ und eine Nummer. Es muss doch schön gewesen sein, hier von Laden zu Laden zu schlendern und sich die Auslagen anzusehen. Was im Supermarkt zu viel war, fehlt hier. Ausgerechnet hier, wo Menschen flanieren. Wer hat sich etwas so Unlogisches ausgedacht?
Ich bin auf dem Weg zum alten Marktplatz. Dort ist auch die Kirche. Helga und ich haben da geheiratet, und Melanie wurde hier getauft.
Vor mir gehen zwei Frauen. Ein kleines Kind, vielleicht zwei oder drei, rennt voraus und jagt Tauben. Als eine etwas behinderte Taube nicht so schnell wegkommt, wird sie von dem Kind getreten. Doch anstatt das Kind zu stoppen oder ihm zu erklären, dass das weh tut, lachen die Frauen.
Froh, bei der Kirche angekommen zu sein, springe ich die Stufen eilig hinauf, bis zur Tür, weg von diesen Menschen eben.
Im Innern ist es kühl und etwas abgedunkelt. Ein paar ältere Leute sitzen in den langen Bänken. Still, in sich gekehrt. Bei der Kanzel ist es ein wenig heller, dort setze ich mich. Hier ist es wirklich unverändert, alles so, wie es immer war.
Ich versuche, mit Gott zu sprechen. Ich will ihn fragen: Warum ich? Warum hier in dieser Stadt? Warum jetzt? Doch Gott schweigt. Ich erfahre nicht, wo ich gewesen bin. Auch nicht, was er mit mir vorhat.
Aber ich fühle mich ein Stück weit geborgen. Weil hier die Zeit stehen geblieben ist.
Beim Hinausgehen zünde ich zwei Kerzen an – eine für Helga und eine für meinen Bruder Lothar. Gott wird mir sicher vergeben, dass ich die geforderten Münzen nicht in das bereitgestellte Kästchen werfen kann.
Szene 21
Die Nacht ist sternenklar. Wie oft haben wir in den Sternenhimmel geschaut, wenn wir draußen in unseren Verstecken kauerten – in der Hoffnung, der Feind würde uns nicht entdecken. Manche schliefen, andere hielten Wache. Sterne versprachen Trost, Sterne waren unendlich. Sie waren Heimat. Im Wissen, dass es den Feinden in ihren Stellungen nicht anders ging.
Doch Nacht für Nacht frage ich mich: Wohin sind die Sterne verschwunden? Nicht alle, aber die meisten. All die Sternbilder – wo sind sie? Ein paar blinken heller, näher, größer …
Ein markerschütternder Schrei reißt mich herum. Es brennt. Der Obdachlose. Als ich aufspringe, rennen drei Jugendliche weg. Lachend, johlend – nicht im Geringsten erschrocken. Haben sie mich nicht gesehen? Oder war es ihnen egal?
So schnell ich kann, laufe ich hinüber und ziehe die brennenden Zeitungen und die Decke von dem Mann. Er liegt da, die Augen weit vor Angst, und windet sich vor Schmerz. So gut ich kann, schlage ich mit der Decke die Flammen auf seiner Hose aus. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich brennende Menschen löschen muss. Aber da war Krieg.
Er ist verletzt, wir brauchen Hilfe. Kann ich ihn allein lassen? Nicht, dass diese Bande wiederkommt. Rufen wird nichts bringen – wir sind zu weit von den Häusern entfernt. Ich sehe aber noch Licht brennen.
Ich beuge mich zu ihm hinunter: „Ich hole Hilfe. Ja?“ Schmerzverzerrt sieht er mich an und nickt.
Damit renne ich auf die Häuser neben dem Park zu. Noch bevor ich dort ankomme, begegnet mir ein Pärchen am Rande des Parks. Was für ein Glück!
„Ein Verletzter. Hilfe! Dort beim Ufer. Schnell! Bitte!“, rufe ich ihnen zu. Der junge Mann nickt, greift in seine Tasche und zieht eines von diesen flachen Dingern heraus, die ich schon gesehen hatte.
Er spricht. Einfach so, mit einem Kasten. Und das funktioniert? Trotz der fatalen Situation bin ich fasziniert.
Die beiden kommen mit mir zu den Bänken. Als sie sehen, was passiert ist, holt der junge Mann noch einmal sein Sprechkästchen und telefoniert erneut.
„Ich habe die Polizei gerufen“, sagt er freundlich. „Und der Krankenwagen kommt auch gleich.“
Seine Freundin aber ist sehr verärgert: „Solche Mistkerle! Hoffentlich kriegen sie die Schweine!“
