Roman: Der Veteran (Teil 7)
Zur Beitragsübersicht
von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 14
Seit einer geraumen Zeit – ich weiß nicht genau, wie lange. Ich habe keine Uhr. Warum eigentlich nicht?
Ich rede und rede und rede. Ich murmele vor mich hin, allein auf dem Friedhof. All das, was ich Helga nie sagen konnte. Alles, was ich jetzt nicht mehr sagen kann. Und alles, was ich gesehen habe – in dieser neuen Zeit. Was ich von Vera über unser Kind weiß, über unsere Enkeltochter, die Urenkel. Es sprudelt einfach heraus.
Auf der Steinumfassung des Grabes sitzend, fühle ich mich meiner Frau sehr nahe. Meine Hand streicht über den kühlen Grabstein, meine Finger fahren die eingravierten Buchstaben und Zahlen nach.
Jemand muss hier gewesen sein. In einer Vase auf der kleinen Steinplatte stecken frische Blumen. Eine Kerze brennt hinter rotem Glas.
Mein Name steht nicht hier. Warum nicht? Hat es mich nicht erwischt bei dem Angriff? Aber wo war ich dann?
Mein Redestrom ist versiegt. Ein Eichhörnchen läuft am Stamm der alten Kastanie nach oben. Ich höre Vogelgezwitscher und ich sitze und lausche still.
Bis es irgendwann beginnt zu dunkeln. Zeit, in den Park zurückzukehren.
Heute wird der Obdachlose vermutlich schon vor mir da sein.
Szene 15
Kirchenglocken reißen mich aus meinen Gedanken. Ich schaue zur Bank des Obdachlosen hinüber. Weg. Wohin ich auch sehe: Trubel, Stimmen, Bewegung. Kinder schreien, rennen oder spielen auf dem Rasen. Eine Frau wirft der Entenfamilie kleine Bröckchen zu. Ein Hund zerrt an seiner Leine, da er hinterherspringen möchte. Sein Frauchen hat Mühe, ihn zu halten. Eine Clique Jugendlicher – alle mit Eis in der Hand – hat sich unter der großen Linde versammelt. Ein paar Familien sitzen auf Decken mitten zwischen den spielenden Kindern und haben allerlei Köstlichkeiten ausgepackt.
Da setzt sich plötzlich eine ältere Frau neben mich auf die Bank: „Na, auch alleine?“
Sie wartet meine Antwort gar nicht ab, sondern redet einfach weiter: „Mein Mann ist schon lange nicht mehr. Er liegt auch auf dem Friedhof. Oh, ich hab Sie dort gesehen. Ich hab nachgeschaut. Haben Sie überhaupt schon gelebt, als die Frau gestorben ist? War das Ihre Oma?“
Ich nicke verdattert. Was soll ich auch dazu sagen?
„Mein Olaf“, fährt sie fort, „war Jäger. Ich hab noch immer ein halbes Reh in der Gefriertruhe und kaum Platz für was anderes, aber ich bringe es nicht übers Herz, es wegzuwerfen.“
Die Frau ist klein und schmal. Ihr Olaf hatte sicher seine helle Freude an diesem Energiebündel.
„Sagen Sie auch mal was?“ Sie beugt sich zu mir, sieht mir direkt in die Augen.
Gerade setze ich an, um etwas zu erwidern …
„Sonntags bin ich immer im Park, wenn es das Wetter erlaubt, so wie früher mit Olaf. Zuhause ist es so leer. Wenigstens habe ich noch Mikesch, meinen Kater. Aber der ist auch oft unterwegs.“
„Haben Sie keine Kinder oder Verwandte, die Sie mal besuchen kommen?“, frage ich erleichtert – endlich ein Thema, bei dem ich mitreden kann.
„Doch, einen Sohn. Er ist Ingenieur und nach Amerika gezogen. Wegen der Arbeit. Als wenn es hier keine gäbe! Eigentlich wollte er nur für ein paar Jahre – nun ist er immer noch dort. Er hat drüben geheiratet und drei Kinder. Manchmal telefonieren wir alle über Video-Telefonie. Das ist schön, so sehe ich sie wenigstens. Aber Mark hat selten Zeit, um mich in Deutschland zu besuchen. Meine Rente reicht nicht für den Flug nach Amerika. Ich war bisher ein einziges Mal drüben. Sie hatten mich zu Weihnachten eingeladen und mir den Flug geschenkt. Sehr weit. Viel zu weit. Haben Sie auch Kinder?“
Ich nicke: „Ja, eins, eine Tochter.“
„Ah“, sagt sie leise und nickt zurück – langsam, lächelnd. Als hätte sie mich verstanden. Als sähe sie ein Bild, das für sie jetzt ganz klar ist.
„Unter der Woche gehe ich jeden Tag auf den Friedhof und besuche meinen Mann. Er soll wissen, dass ich ihn nicht vergessen habe. Und wie ich schon sagte, sonntags bin ich hier.“
Ich stehe auf.
„Ich muss jetzt zu meiner Familie. Haben Sie einen schönen Tag!“
Sie strahlt mich an.
„Ja, Sie auch. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“
„Ja, vielleicht“, murmle ich und gehe.
Szene 16
„Niemals sind Sie mit mir verwandt! Nie! Da können Sie meinem Vater so ähnlich sehen, wie Sie wollen!“
Melanies Augen funkeln vor Zorn. Ich kann die Halsschlagader pulsieren sehen. So nah bin ich ihr. So fremd.
„Wer hat Sie überhaupt hier ins Gebäude gelassen? Das geht gar nicht.“ Ihre Stimme hallt in der großen Halle – laut, erschrocken, wütend.
Wir stehen im Foyer ihrer Seniorenresidenz. Die freundliche Dame am Empfang hatte meine Tochter über meinen Besuch informiert. Hoffentlich bekommt sie keinen Ärger.
„Sie können sich ja nicht einmal ausweisen. Und überhaupt – mein Vater ist seit einem Kriegseinsatz verschollen. Er wäre heute etwa 110 Jahre. Merken Sie was? Sie erzählen Unsinn! Schlimm genug, einen Vater gehabt zu haben, der für Hitler gekämpft hat – und jetzt kommen Sie auch noch daher!“
Das ist meine Tochter. Meine! Und was für eine Frau sie geworden ist. Wie gut sie immer noch aussieht. Ich muss den Impuls unterdrücken, sie einfach in die Arme zu nehmen und ihr zuzuflüstern: ‚Ich bin dein Vater. Ich bedaure jede Minute, die ich mit dir verpasst habe.‘
Stattdessen sage ich ruhig, so gefasst wie möglich: „Auch wenn es jetzt nicht danach aussieht. Ich bin ein Verwandter. Wirklich. Ich weiß nicht, wie ich es beweisen kann. Aber es ist wahr.“
Melanie steht unbeweglich da. Sie weicht keinen Millimeter.
Mitten in dieser hellen Halle – kleine Sitzecken, Palmen, sogar Orangenbäumchen. Fast fühlt es sich an wie ein Stück Griechenland.
Wie kann sie sich so ein schönes Zuhause leisten? Unwillkürlich schaue ich sie bewundernd an.
Auf dem Weg vom Park hierher hatte ich noch so Herzklopfen vor Aufregung. Und jetzt – ich bin der alten Frau mit dem halben Reh einfach nur dankbar.
Familie ist so wichtig. Und es ist so unendlich traurig, wenn man keinen Kontakt haben kann.
Gut, es ist gründlich schiefgegangen. Aber ich habe sie gesehen. Aus der Nähe. Sie steht immer noch direkt vor mir.
„Was muss ich tun, damit Sie mir glauben“, frage ich leise.
„Da gibt es nichts zu tun. Gehen Sie. Jetzt!“
„Aber …“
„Jetzt! Sonst hole ich den Sicherheitsdienst!“
Langsam trete ich den Rückzug an – aber nicht ohne noch einmal einen stolzen Blick auf meine Tochter zu werfen.
