Roman: Der Veteran (Teil 4)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 8
War es Ausflucht? War es Feigheit? Ich weiß es nicht. Jedenfalls stehe ich wieder in Veras Vorgarten und halte Ausschau nach der netten Nachbarin. Nichts zu sehen.
Ob ich mich auf die Bank setzen darf und warten?
In dem Moment höre ich Geschrei aus Melanies Haus. Aus meinem Haus. Aus Helgas Haus.
Eigentlich ist es jetzt Claudias und Werners Haus.
Oh, diese Namen. Wenigstens kann ich sie mir merken.
„Du dumme Nuss!“, brüllt eine jugendliche Männerstimme. „Verschwinde aus meinem Zimmer!“
„Ich wollte doch nur fragen, ob du mit zur CSD-Parade kommst“, antwortet eine ruhige Mädchenstimme. Das muss Leonie sein. Dann ist der Schreihals sicher Tom.
„Bist du irre?! Nie im Leben! Was soll ich bei den Tussis?“
„Dich für Vielfalt einsetzen, zum Beispiel.“
„Ey, geh mir bloß weg!“
Toms Stimme klingt jetzt verächtlich.
Gerne hätte ich einen Blick auf meine Urenkel geworfen, aber es ist nichts zu sehen. Die Fenster sind nur gekippt. Das Glas spiegelt in der Sonne – zu sehr, um etwas zu erkennen.
Etwas gedämpfter fährt Tom fort: „Raus jetzt! Ich spiele grad mit meinen Kumpels.“
Eine Tür fällt ins Schloss. Dann ist es still.
Gerade will ich mich setzen, da biegt Vera um die Hausecke, zwei Gläser mit sprudelndem Wasser in der Hand. In jedem schwimmt etwas Grünes – Pfefferminze, denke ich, oder vielleicht Zitronenmelisse.
„Ich habe dich schon gesehen. Konntest du mit Melanie sprechen?“
Sie hält mir eines der Gläser hin.
„Nein danke. Ich hab keinen Durst. Und nein, ich habe Melanie noch nicht getroffen. Ich weiß ja nicht mal, nach wem ich fragen soll. Sie war doch verheiratet.“
Was für eine Tirade. Hoffentlich merkt Vera nicht, wie sehr ich innerlich bebe.
„Ach stimmt. Daran habe ich gar nicht gedacht. Sie heißt wieder Kleinschmidt – hat nach der Scheidung ihren Mädchennamen angenommen. Jetzt setz dich doch.“
Erleichtert – und ein wenig erfreut über die Auskunft – lasse ich mich auf die Bank fallen.
Vera mustert mich.
„Wo übernachtest du eigentlich? Bist du in einem Hotel in der Nähe? Ich weiß auch nicht warum, aber du kommst mir irgendwie bekannt vor. Weißt du, man sieht, dass du mit meinen Nachbarn verwandt bist. Besonders bei Melanie. Ihr habt die gleichen Augen. Ähnliche Gesichtszüge. Erstaunlich.“
„Nein, ich bin in keinem Hotel, Vera. Wirklich? Melanie sieht mir ähnlich?“
Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Unwillkürlich muss ich lächeln.
Auch Vera lächelt – ein warmes, offenes Lächeln, das selbst ihre Augen heller erscheinen lässt.
„Hm. Das ist eigentlich gar nicht meine Art – und du bist ja noch ein Fremder – aber ich hätte ein Gästezimmer.“
Erwartungsvoll sieht sie mich an.
Was soll ich ihr jetzt sagen?
Nicht nötig, danke, ich sitze nachts im Park und schaue aufs Wasser? Ich bin nicht müde? Ich bin dort auch selten allein. Der Obdachlose kommt regelmäßig vorbei, betrinkt sich, brabbelt noch eine Weile vor sich hin und kriecht dann unter seine Zeitungen.
Gerne hätte ich ihm etwas Besseres zum Zudecken gekauft – oder wenigstens eine saubere Zeitung mitgebracht – aber ich habe ja keinen von diesen modernen Euros.
Schließlich antworte ich:
„Das ist sehr nett von dir, aber ich habe bereits einen Platz für die Nacht. Aber – könntest du mir vielleicht eine Zeitung geben? Eine von gestern? Eine, die du nicht mehr brauchst?“
Verwundert sieht Vera mich an. Dann steht sie auf und verschwindet im Haus.
Nach einer Weile kommt sie mit einem Packen Zeitungen zurück.
„Brauchst du auch eine Tüte? Oder hier – eine Stofftasche. Damit kannst du’s besser tragen.“
Sie reicht mir den Stapel und die Tasche.
Ich bedanke mich herzlich und mache mich auf den Weg.
Szene 9
Gestern hatte ich meine Uniform im Fluss gewaschen und zum Trocknen so in einen Busch im Park gehängt, dass sie nicht entdeckt werden konnte.
Wir Soldaten hatten multifunktionale Taschenmesser in unserer Ausrüstung – darüber war ich jetzt sehr froh, denn ich habe meines noch. Allerdings hätte ich nie gedacht, dass ich eines Abends auf einer Holzbank sitze, von der schon langsam der Lack absplittert, und bei schönstem Abendrot versuche, die Hakenkreuze von meiner Uniform abzutrennen.
Ich wollte ja nicht verhaftet werden.
Schon skurril. Früher lief man eher Gefahr einkassiert zu werden ohne so ein Hakenkreuz – und heute mit. Wenn ich nur wüsste, was zwischenzeitlich passiert ist.
Ich habe alle politischen Artikel beiseitegelegt und die übrigen Blätter – Sport, Anzeigen, dergleichen – aussortiert. Diese liegen jetzt ordentlich gestapelt auf der Bank, die der Obdachlose üblicherweise nachts für sich beansprucht. Es ist noch zu früh, und er ist noch nicht da.
Ich schaue auf den kleinen Stapel Restzeitungen neben mir. Inzwischen weiß ich, dass wir im Juni 2025 sind. Dafür ist es ganz schön heiß. Viel zu heiß, würde ich sagen. So eine Hitze hatten wir selten – und wenn, dann im Hochsommer.
Ich muss mich ziemlich konzentrieren, um den Stoff der Uniform nicht zu beschädigen, aber ich habe es schon fast geschafft.
Schade, dass ich meine Urenkelkinder nicht sehen konnte.
Ich habe allerdings auch nicht verstanden, wovon sie überhaupt redeten. CSD – Parade? Ist das eine neue Militärabteilung, die durch die Stadt marschiert? Aber ich habe keine Soldaten gesehen, auch keine Militärfahrzeuge oder Panzer. Vielleicht ist die Parade auch in einer anderen Stadt. Was macht da ein Mädchen? Ein schicker Soldat etwa?
Und noch seltsamer – wie kann Tom allein in seinem Zimmer mit seinen Kumpels spielen, und warum wundert sich Leonie nicht darüber?
Zu gerne hätte ich Vera danach gefragt, aber dann hätte ich zugeben müssen, dass ich nichts in dieser Welt wirklich verstehe. Jedenfalls nicht viel.
Geschafft.
Fein säuberlich lege ich meine Uniform zusammen. So, wie ich es gelernt hatte. Falte auf Falte. Zusammen mit den Zeitungsseiten schiebe ich sie in die Stofftasche und verstecke sie wieder im Gebüsch. Es wird langsam dunkel – zu dunkel zum Lesen.
Es ist so friedlich. Der Fluss glitzert wie mit Goldstaub übergossen, und von irgendwoher höre ich leise Musik. Und zirpt da nicht eine Grille?
Entspannt lehne ich mich zurück und genieße den Augenblick.
