Roman: Der Veteran (Teil 2)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 4
Ich irre durch die Stadt. Manches kommt mir bekannt vor: die Kirche, das Rathaus, die Brücke über den Fluss. Doch gleichzeitig ist alles so fremd – so hektisch, so überlaufen.
Niemand beachtet mich. Die Lautstärke ist unerträglich. Hupen, Schreien, Klingeln. Man muss aufpassen, nicht von Menschen umgerempelt zu werden, die mit einem kleinen flachen Gerät sprechen, das sie sich ans Ohr pressen – als hörten sie Stimmen.
Roller fahren mit irrsinniger Geschwindigkeit vorbei – und da stehen nicht etwa Kinder drauf, sondern Erwachsene. Ich musste schon zweimal zur Seite springen. Wieso fahren diese Dinger überhaupt von alleine?
Um etwas Ruhe zu finden, mache ich mich auf den Weg zum Stadtpark. Wenigstens der hat sich nicht gravierend verändert. Obwohl – doch. Nur nicht so auffällig.
Ich steuere auf die Bänke mit Blick auf den Fluss zu. Da liegt jemand auf einer der Bänke. Geht es ihm schlecht? Soll ich Hilfe holen? Als ich näherkomme, sehe ich, dass er mit einem alten knittrigen Tuch und noch verknitterteren Zeitungsseiten abgedeckt ist. Es riecht nach Alkohol, und eine leere Flasche liegt unter der Bank.
Oh je, und das am helllichten Tag. Wieso ist er nicht bei der Arbeit?
Interessiert beuge ich mich etwas über den Mann, um ein paar Blicke auf die Zeitung werfen zu können.
2024 – beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren. Ist das heute? Die Blätter sehen schon sehr mitgenommen aus.
„Sorge vor Spaltung“
„Flüchtlingsunterkunft in Brand gesteckt“
„Klimakleber: Prozess mit Polizeischutz“
Was sind das für seltsame Überschriften? Was um alles in der Welt sind Klimakleber? Seit wann kann man Klima kleben? Sind das Leimarbeiter? Oder sind das Pioniere der neuen Art?
Die nächste Zeile: „Klimaaktivisten blockieren Straße – Justizminister fordert härteres Vorgehen.“
Ich lese weiter.
Ah – junge Leute, die sich festkleben. Auf die Straße. Weil sie Angst haben. Vor der Zukunft. Vor dem, was kommt, wenn man nichts tut.
Seltsam ist das schon. Wir fürchteten uns auch. Vor Bomben, vor einem Kugelhagel, vor unbarmherziger Kälte und Feinden, vor Verrat und Hinterhalt … aber vor einem Klima? Was ist da los?
Ich ahne, dass das erst der Anfang ist.
Ein bisschen abseits setze ich mich auf eine Bank und genieße das Plätschern des Wassers. Vögel zwitschern in den Büschen, und eine Entenfamilie schwimmt vorüber. Ein leiser Wind kräuselt die Oberfläche, und die Stimmen der Stadt scheinen sich weiter zu entfernen.
Während ich mir noch Gedanken über „Flüchtlingsheime“ mache – und darüber, warum man sie anzündet – ziehen die kleinen Körper sanfte Spuren ins Wasser. Nur noch wenige rötlich schimmernde Fetzen spiegeln sich darin.
Der Tag scheint den Atem anzuhalten. Fahler werdendes Licht flackert müde durch die Äste und Zweige, ehe auch das verschwindet. Die Nacht zieht auf – leise aber bestimmt.
Ich ziehe die Jacke enger um mich. Es ist kühler geworden.
Szene 5
So schrecklich kompliziert hatte ich mir das wirklich nicht vorgestellt.
Nirgends bekam ich heute Auskunft. Weder auf dem Einwohnermeldeamt im Bürgerbüro, noch im Kirchenregister, auch nicht auf dem Standesamt. Alle wollten einen Personalausweis sehen.
Was für ein Personalausweis? Vielleicht so etwas Ähnliches wie unser Soldbuch. Das hatte jeder Soldat. Mein Soldbuch habe ich übrigens noch. Es steckt tief unten im Strumpf. Man weiß ja nie. Aber zeigen kann ich das nicht. Und diesen Personalausweis braucht wirklich jeder? Bekommen die Leute damit auch Kleidung und Verpflegung? Aber viele sehen doch gar nicht so aus, als ob sie das bräuchten.
Und wie soll ich nun herausfinden, was ich für eine Familie habe und wo sie sind? Ich trage noch meine alte Erkennungsmarke – aber die bleibt besser unter dem Hemd verborgen.
Ich sitze auf den Stufen eines großen Brunnens mitten in der Fußgängerzone. Es ist heiß, fast drückend schwül, aber auch so dreht sich in meinem Kopf alles wie in einem Karussell.
Es gibt kein Deutsches Reich mehr. Wir haben den Krieg verloren. Aber das kann doch nicht sein.
Mein Gang durch die Ämter war heute trotzdem sehr aufschlussreich. Ich kann es fast nicht glauben.
Wir haben praktisch umsonst gekämpft. Meine Kameraden sind für nichts gefallen. Die vielen toten Soldaten, die vielen Menschen, die gestorben sind oder schrecklich leiden mussten. Entsetzt presse ich den Rücken gegen die Brunnenmauer.
Wir haben Juden ermordet – und bei Weitem nicht nur ein paar wenige. Grausam und sadistisch!
Und ich war ein Rädchen in diesem bösartigen Getriebe.
Ich bekomme kaum noch Luft.
Warum habe ich das mitgemacht? Warum haben wir das nicht verhindert?
Ich wäre gerne in die Bücherei gegangen, um nachzulesen, was passiert ist, aber auch dort wollten sie meinen Personalausweis sehen – und Geld. 27 Euro für ein Jahr.
Wo sind unsere Reichsmark geblieben? Irgendwo müssten doch noch welche sein.
