von Clara Sternfeld

KAPITEL I

Szene 6

Man fühlt sich wie ein Einbrecher, wenn man hinter Hecken verborgen sein eigenes Haus ausspäht. Aber ich wusste einfach nicht, wie ich sonst herausfinden sollte, wer meine Familie ist. Die Sonne brennt unbarmherzig, aber hier im Schatten ist es halbwegs erträglich. So richtig viel hat sich bislang nicht getan. Ein Postbote war da mit allerlei Briefen, und ein weiterer Postbote hat ein Paket einfach in die Garage gestellt. Wie gibt es denn sowas? Das kann man sich ja einfach nehmen und abhauen. Der Postbote hat nicht mal geklingelt, um zu schauen, ob jemand zu Hause ist. Die Beamten meiner Zeit hätten das niemals gewagt. Da wäre sogleich eine Abmahnung fällig gewesen.
Plötzlich tippt mich jemand auf die Schulter. Erschrocken fahre ich herum und sehe direkt in zwei zusammengezogene, strenge Augen, die Stirn darüber gekräuselt. Die dazugehörige Frau steht vor mir aufgebaut und mächtig. Fast auf Augenhöhe mit mir, die Fäuste fest in die Hüften gestemmt. Ich kann auch nicht fliehen, es gibt keinen Weg an ihr vorbei.
„Was machen Sie hier? Wenn Sie mir nicht augenblicklich gestehen, hole ich die Polizei?“
Die Polizei? Oh nein, bloß nicht.
Was soll ich ihr antworten? Was ist plausibel?
„Ich bin kein Einbrecher – wirklich nicht“, beginne ich vorsichtig. Soll ich es mit etwas mehr Wahrheit versuchen? Also sage ich mit etwas festerer Stimme: „Ich bin von weit hergereist, um meine Verwandtschaft kennenzulernen. Aber ich traue mich nicht so richtig.“
Meine Worte scheinen aufrichtig geklungen zu haben, denn nachdem sie mich eindringlich gemustert hat, entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie nimmt eine weniger bedrohliche Haltung ein.
„Na gut“, meint sie, „vielleicht kann ich etwas helfen. Was wollen Sie denn wissen?“
„Also …“, ich überlege. Wie könnte ich es am besten formulieren? Noch einmal: „Also …“ Die Nachbarin packt meinen Arm und meint: „Kommen Sie, wir setzen uns dort auf die Gartenbank.“
Während wir uns setzen, fährt sie fort: „Jetzt heraus mit der Sprache!“
Ich habe gegen mächtige Feinde gekämpft – und jetzt zittere ich vor einer resoluten Nachbarin.
„Ich bin mit Helga Kleinschmidt verwandt, und ich weiß bereits, dass dort drüben ihre Enkelin wohnt.“ Und meine, füge ich in Gedanken hinzu.
Noch einmal mustert mich die Nachbarin, aber ich scheine ihr vertrauenswürdig genug zu sein.
„Ja, das stimmt. Helga war die beste Freundin meiner Mutter. Sie haben sich kennengelernt, als nach dem Krieg ihre Männer nicht wiederkamen.“
Dann muss diese Nachbarin um die achtzig und ungefähr so alt wie meine Tochter sein. So alt sieht sie gar nicht aus. Im Gegenteil, ich hätte sie wesentlich jünger geschätzt.
„Wir sind kurz nach Kriegsende hierhergezogen. Helga ist vor langer Zeit an Krebs gestorben. Ganz plötzlich. Wir waren alle untröstlich. Sie war so eine liebe und angenehme Frau. Ich glaube, sie hatte den Verlust ihres Mannes nie wirklich verwunden. Sie hat auch nie wieder eine neue Beziehung begonnen. Ihr Mann war verschollen, und sie hat bis zuletzt gehofft, dass er zurückkommt.“
Sie geht zu einem Tisch auf der Veranda und schenkt sich ein Glas Wasser aus einer Karaffe ein. Fragend wirft sie mir einen Blick zu. Ich schüttle mit dem Kopf. Dann setzt sie sich wieder neben mich, das Glas in der Hand.
„Helga hat ihre kleine Tochter, die Melanie, allein großgezogen. Das war eine Glanzleistung – zu der Zeit noch und gar nicht gern gesehen. Aber sie hat es geschafft. Manchmal haben Melanie und ich miteinander gespielt, nicht allzu oft. Sie war ein ruhiges, nachdenkliches Mädchen. Ein paar Jahre älter als ich – und sehr klug. Umso mehr verwunderte es, dass sie sich einen so unangenehmen Partner gesucht hatte. Ich glaube, er hat auch manchmal zugeschlagen. Aber Melanie sprach nie darüber.“
Meine Melanie. Mein süßes Baby. Ich kann es kaum fassen. Ich schlucke ein paar Tränen herunter. Ein Veteran weint schließlich nicht.
„Irgendwann, nachdem Melanies Tochter eingeschult wurde, hatte sie von diesem herrschsüchtigen Typen vermutlich genug. Er ließ sie nicht arbeiten, gab ihr kaum Haushaltsgeld, und nichts konnte sie ihm recht machen. Er hatte diese Art, beim Reden die Faust in der Luft zu halten – als würde er jedes letzte Wort mit Gewalt unterstreichen. Melanie reichte die Scheidung ein. Das war ein Theater, sag ich Ihnen. Was da für eine Schmutzwäsche gewaschen wurde! Aber damals hatten Frauen kaum eine andere Möglichkeit, ihren gewalttätigen Männern zu entkommen.“
Ich versuche mir mein Kind, erwachsen vorzustellen, unterdrückt und misshandelt. Ich war nicht da, um ihr zu helfen. Ich weiß nicht, wo ich war – ich war nirgends.
„Heute ist Melanie eine taffe Frau – selbstbewusst und stark. Sie hat Abitur und ein Studium nachgeholt und bis zu ihrer Pensionierung drüben im Haus gewohnt. Sie hat sich selbst entschieden, ins Betreute Wohnen umzuziehen, obwohl ich ihr angeboten hatte, zu mir zu kommen. Ich wohne ganz allein in meinem Haus. Aber sie wollte nicht. Nie mehr abhängig sein – das ist ihre Devise. Auch ihrer Tochter wollte sie nie zur Last fallen.“
„In welchem Heim lebt Melanie? Vielleicht kann ich sie besuchen?“ Erwartungsvoll sehe ich zur Nachbarin. „Und wie heißt Melanies Tochter?“
„Melanie ist in keinem Heim. Betreutes Wohnen ist kein Heim im eigentlichen Sinne.“ Ich nicke nur. Was das genau heißt, weiß ich nicht. „Ihre Tochter heißt Claudia. Sie hat einen sehr netten Ehemann. Wirklich. Und zwei Kinder. Leonie macht nächstes Jahr Abitur. Sie ist sehr fleißig und engagiert. Tom dagegen macht eine Lehre als Mechatroniker – und ist etwas schwierig, wenn ich das freundlich ausdrücken darf. Manchmal fragt man sich, ob solche Neigungen irgendwie weitervererbt werden. Aber das ist natürlich Unsinn – oder nicht?“
Was ist denn ein Mechatroniker schon wieder? Wie soll ich mich in dieser modernen Welt zurechtfinden?
„Ist Tom auch gewalttätig wie sein Großvater“ – Opa will mir in diesem Zusammenhang einfach nicht über die Lippen kommen. „Oder was meinst du mit schwierig?“
„Nun, er treibt sich herum, ist frech, fast unverschämt, trinkt – und ja, er prügelt sich gelegentlich. Claudia ist oft ziemlich verzweifelt. Nicht nur einmal hat sie sich gefragt, was sie falsch gemacht haben? Aber ich glaube nicht, dass sie etwas falsch gemacht hat. Claudia und ihr Mann Werner sind gute Eltern.“
Ich stehe auf. „Vielen, vielen Dank! Sie haben mir sehr geholfen! Aber wo finde ich nun Melanie?“
Sie nennt mir die Adresse. Auch sie steht auf und begleitet mich bis zum Gartentor. „Viel Glück!“
Dann beschreibt sie mir noch den Weg zu Melanies neuer Wohnung und reicht mir spontan die Hand. „Ich heiße Vera!“
„Ich bin Jakob“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Was für ein Zufall. Soweit ich weiß, hieß der Mann von Helga auch so.“ Sie nickt mir aufmunternd zu, während ich mich auf den Weg zu Melanies Residenz mache.
Ja, was für ein Zufall, denke ich – und merke plötzlich, dass ich lächle. Zum ersten Mal, seit ich wieder hier bin.

Szene 7

Die Residenz wirkt auf den ersten Blick harmonisch, freundlich, ansprechend. Umringt von einem weitläufigen Park mit schattenspendenden Bäumen, Sträuchergruppen und schmalen Fußwegen, an deren Rändern so manche Sitzbank zum Verweilen einlädt, steht ein imposantes Gebäude im Stil griechischer Antike mit einem Säulenvorbau. Eine runde Kuppel ziert das Dach, und filigrane Ornamente schmücken den Eingang.
Auf beiden Seiten speien kleine Fontänen glasklares Wasser in steinerne Becken, und rund um einen separat angelegten Seitenpavillon wachsen sogar Palmen – nicht in Kübeln, sondern direkt in den Boden gesetzt. Erfrieren die nicht im Winter? Werden sie zum Überwintern ausgegraben?
Ich kann mich nicht erinnern, je ein solches Anwesen in meiner Stadt gesehen zu haben. Wir sind doch nicht am Mittelmeer! So schön und ästhetisch es auch aussieht – das passt doch überhaupt nicht in mein Deutschland. Und hier wohnt meine Tochter? Unvorstellbar.
Da fällt mir ein: Ich weiß gar nicht, wie Melanie mit Nachnamen heißt. Sie war doch verheiratet. Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.
Noch immer fassungslos, wie Melanie in so etwas wohnen kann, wende ich mich zum Gehen und steuere eine Bank unter einem riesigen Ahorn am äußersten Ende des Parks an, um mich erst einmal zu sammeln.