Wenn die Deadline kommt, aber die Gleichstellung wieder Pause macht

Deutschland hat es mal wieder geschafft, ein europäisches Ziel mit bemerkenswerter Konsequenz zu verfehlen: gleiches Gehalt für alle Geschlechter nicht nur als hübsche Sonntagsrede zu feiern, sondern auch wirklich umzusetzen. Mal von dem Affront gegen Frauen ganz abgesehen.
Die EU hatte eine Frist gesetzt, Deutschland ließ sie verstreichen, und jetzt steht die nächste Stufe der Peinlichkeit an – eine Klage aus Brüssel.
Das Land, das sich gern als ordentlicher Rechtsstaat auf die Schulter klopft, lässt beim Thema Entgeltgleichheit diese Frist verstreichen, schaut überrascht drein und landet beim Equal Pay mal wieder im hinteren Drittel der europäischen Klasse. Wie üblich beginnt die Politik mit dem traditionsreichen Dreischritt aus Prüfung, Gespräch und weiterer Prüfung.
Dabei ist die Lage nicht nur ärgerlich, sondern auch altbekannt. Seit Jahren wird über den Gender Pay Gap geredet, geschrieben, gestritten und versprochen. Passiert ist vor allem eines: nichts bis zu wenig. Und während andere Länder zumindest versuchen, das Prinzip „gleiche Arbeit, gleicher Lohn“ nicht nur als Dekoration im Koalitionsvertrag zu führen, bleibt es hierzulande in der Praxis erstaunlich gemütlich. Fast so, als sei Lohngleichheit ein ambitioniertes Langzeitprojekt und nicht geltendes Recht.

Statistisches Bundesamt:

Der Gender Pay Gap beschreibt den Verdienstabstand pro Stunde zwischen Frauen und Männern. Die Ursachen hierfür können unterschiedlich aussehen: Frauen arbeiten beispielsweise in schlechter bezahlten Berufen oder erreichen seltener Führungspositionen als Männer. Einige Frauen erhalten auch dann von ihrem Arbeitgeber weniger, wenn Tätigkeit, Bildungsweg und Erwerbsbiografie vergleichbar mit denen der männlichen Kollegen sind. Dabei unterscheidet man zwischen dem bereinigten und dem unbereinigten Gender Pay Gap.“

Unbereinigter Gender Pay Gap

Der unbereinigte Gender Pay Gap wird als Differenz zwischen den durch­schnittlichen Brutto­stunden­verdiensten von Frauen und Männern in Prozent des durchschnittlichen Brutto­stunden­verdiensts männlicher Beschäftigter definiert“: 16 %

Bereinigter Gender Pay Gap

Der bereinigte Gender Pay Gap wurde für das Berichtsjahr 2018 letztmalig auf Basis der vierjährlichen Verdiensts­truktur­erhebung berechnet. Hier wird jener Teil des Verdienst­unterschieds herausgerechnet, der auf strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurück­zuführen ist, wie Unterschiede im Hinblick auf Beruf, Branche, Beschäftigungs­umfang, Qualifikation oder Karrierelevel“: 6 %

Eine Dauerbaustelle mit Verwaltungssiegel

Besonders bemerkenswert ist, wie zuverlässig Deutschland es schafft, bei solchen Themen gleichzeitig überrascht und vorbereitet zu wirken. Erst kommt die Frist, dann die Ernüchterung, dann das große Bedauern, dann die nächste Arbeitsgruppe. Am Ende bleibt der Eindruck: Wenn Bürokratie olympisch wäre, hätte Deutschland bei der Verzögerung längst Gold geholt. Nur leider geht es hier nicht um Verwaltungskunst, sondern um Frauen, die im Durchschnitt weiterhin geringere Einkommen erzielen als Männer – und selbst bei vergleichbaren Tätigkeiten bleibt ein Teil der Lohnlücke bestehen.

Und als wäre das nicht schon genug, kommt die nächste altbekannte Schieflage dazu: sogenannte Frauenberufe, also Tätigkeiten in Pflege, Erziehung, Betreuung oder sozialer Arbeit, werden seit Jahrzehnten systematisch schlechter bezahlt, obwohl sie gesellschaftlich unverzichtbar sind. Offenbar gilt in Deutschland bis heute: Je mehr Fürsorge, desto weniger Lohn. Pflege, Erziehung und soziale Arbeit gehören zu den gesellschaftlich unverzichtbaren Tätigkeiten. Trotzdem werden viele dieser Berufe vergleichsweise schlecht vergütet – ein Umstand, der seit Jahren kritisiert wird.
Dazu passt auch die unbezahlte Carearbeit, die überwiegend von Frauen getragen wird — das private Fundament der gesamten Wirtschaft, nur leider ohne Gehaltszettel, Applaus oder politische Eile. Gleichstellung sieht auf dem Papier gut aus; in der Realität bleibt sie oft genau dort liegen, wo sie seit Jahren liegt: irgendwo zwischen Sonntagsrede, Zuständigkeitsgerangel und nächster Verzögerung.

Woher bläst der Wind?

Den Widerstand gegen echtes Equal Pay organisiert nicht irgendein abstraktes Deutschland, sondern ein Zusammenspiel aus zögerlicher Politik, wirtschaftsnahen Interessen und Arbeitgebern, die Transparenz seit jeher ungefähr so lieben wie Steuerbescheide. Während in emotionalen Reden gern von Gleichstellung gesprochen wird, wird sie in der Praxis von jenen ausgebremst, die an intransparenten Löhnen, alten Rollenbildern und der Bequemlichkeit des Status quo profitieren und deshalb wenig Interesse an tiefgreifenden Veränderungen zeigen. Also jenen, die es sich leisten können politisch zu verwässern, wirtschaftlich auszusitzen und mit genug Geduld einfach auf Zeit zu spielen.

Der Wind bläst vor allem aus den Ministerien, den Lobbybüros und den Chefetagen, in denen man Frauenlöhne gern als komplizierte Nebensache behandelt.