Roman: Der Veteran (Teil 1)
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Ein junger Mann erwacht auf einem Feldweg.
Er trägt eine Wehrmachtsuniform, erinnert sich an Granaten, Kameraden und an Krieg. Er glaubt, einen Bombenangriff überlebt zu haben.
Doch irgendetwas stimmt nicht.
Die Straßen sehen anders aus. Die Menschen verhalten sich anders. Selbst die vertrauten Orte seiner Heimatstadt scheinen fremd geworden zu sein.
Während er versucht herauszufinden, was geschehen ist, begegnet er Menschen mit ihren ganz eigenen Kämpfen: Einsamkeit, Armut, Ausgrenzung, Hoffnung und Verlust.
„Der Veteran“ ist ein fortlaufender Roman über Erinnerung, Verantwortung, Menschlichkeit und die Frage, ob Gesellschaften aus ihrer Geschichte lernen.
Die Fortsetzungen erscheinen wöchentlich szenenweise – immer freitags.
Der Veteran
von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 1
Ich dachte, ich sei tot. Das Letzte, woran ich mich erinnere, war das Krachen von Granaten und das Schreien meiner Kameraden.
Die Sonne blendet mich, und ich hebe einen Arm über die Augen, um mich zu schützen. Der Ärmel meiner Wehrmachtsuniform ist verschmutzt und etwas blutbespritzt. Es ist sehr still. Ist der Krieg schon weitergezogen? Haben sie mich hier vergessen?
Etwas mühsam stehe ich auf und sehe an mir hinunter. Alles noch dran. Da hatte ich wohl Glück. Waschen und umziehen, dann geht es wohl wieder.
Doch wo bin ich hier? Ist das die Ostfront? Oder doch der Westen? Warum nur bin ich allein?
Vorsichtig sehe ich mich um. Es ist immer noch Sommer, aber an das Maisfeld kann ich mich nicht mehr erinnern, und auch die gesamte Umgebung kommt mir so fremd vor. Halt – die Nussbäume dort am Wegesrand, ich glaube, die standen schon hier, auch wenn sie viel mächtiger und größer aussehen. Haben sie doch noch nicht alle gefällt für ihre Waffengriffe.
Den Feldweg kenne ich – und nun weiß ich auch, wo ich mich befinde und wohin ich mich wenden muss, um in die Stadt zu gelangen.
Szene 2
Es war die reinste Odyssee hierher. Wo kommen nur all diese Fahrzeuge her? Und wie die aussehen! Vorsichtig öffne ich das alte Gartentor und gehe auf unser Haus zu. Beinahe hätte ich es nicht wiedererkannt. Komplett frisch gestrichen – in Hellblau – also wirklich! Ich muss wohl ein ernstes Wort mit meiner Frau reden.
Wie es dem Baby geht? Ich kann es kaum erwarten, die beiden in die Arme zu schließen.
Die Scheune ist verschwunden – und meine Werkstatt auch. Eine große Garage steht stattdessen dort – mit diesen seltsamen Autos darin. Gleich zwei Stück. Woher hat sie so viel Geld? Diese Luxusgüter müssen doch ein Vermögen gekostet haben.
Bevor ich klingle – einen Schlüssel habe ich nicht dabei, der muss noch im Spind in der Kaserne liegen – gehe ich ums Haus. Auch hier sieht alles komplett verändert aus. Unser schöner Gemüsegarten ist fort. Alles Rasen, marmorierte Steinplatten führen zu einem runden Platz mit Gartenmöbeln, und an der Seite – was ist das? Haben wir ein Schwimmbad eröffnet? Aber nein, dafür ist es doch ein bisschen zu klein.
Irritiert und etwas verärgert stapfe ich zur Haustür und drücke die Klingel. Etwas länger als nötig. Was haben die hier gemacht? Und alles ohne mein Wissen. Alles ohne Absprache.
Ich höre Schritte, und die Tür öffnet sich. Eine wildfremde Frau mittleren Alters steht vor mir und sieht mich erstaunt und fragend an. „Ja?“
Wer ist das? Wo ist meine Helga?
„Ich möchte bitte zu Helga Kleinschmidt“, bringe ich schließlich mühsam über die Lippen.
„Sie wollen zu Oma? Oma lebt schon lange nicht mehr. Aus welcher Zeit sind Sie denn gefallen, und in welchem Speicher haben Sie diese schreckliche Uniform gefunden? Sie sollten sich etwas schämen. Hakenkreuze sind verboten. Was wollen Sie von Oma?“
Vor Schreck und Schmerz stehe ich schweigend da und starre die Frau an, die damit anscheinend meine Enkelin ist. Ich spüre das Blut in meinen Schläfen pulsieren. In meinen Ohren beginnt ein leichtes Dröhnen.
Was soll ich ihr sagen? Ich bin’s, dein Opa? Ich schlucke mühsam.
Was ist passiert? Welches Jahr haben wir? Wo war ich die ganze Zeit?
„Ich bin, ich war, ich bin … ein Freund … ein Freund von Helga“, stammle ich. „Ich wollte nach ihr sehen. Ich konnte nicht früher kommen. Nein, leider konnte ich nicht.“
Das Gesicht meiner Enkelin verdüstert sich zusehends.
„Wie dreist sind Sie eigentlich? Ich schätze Sie mal auf Mitte zwanzig – wie wollen Sie ein Freund von Oma gewesen sein? Was sind Sie? Ein Bettler und Hausierer? Eure Maschen werden auch immer schräger! Und ziehen Sie sich anders an, sonst werden Sie noch verhaftet. Dort, neben der Garage, steht ein Sack mit Klamotten meines Mannes, die ich heute entsorgen wollte – suchen Sie sich was aus. Ich kann Ihnen noch ein Brot schmieren – haben Sie Hunger?“
Habe ich Hunger? Ich glaube nicht. Ich schüttle sprachlos den Kopf. Das Dröhnen in meinen Ohren wird lauter.
„Schauen Sie, dort ist ein kleines Gartenwaschbecken. Dort können Sie sich auch etwas waschen.“
Sie ist schon im Begriff sich abzuwenden, da schaut sie mich noch einmal nachdenklich an: „Oma liegt auf dem Hauptfriedhof, links an der Mauer. Ein großer Kastanienbaum steht in der Nähe. Es ist leicht zu finden.“
Damit schließt sie die Tür.
Szene 3
In einer blauen, grobleinenen Hose – erst später sollte ich erfahren, dass es eine Jeans ist – und einem Ringelhemd stehe ich an Helgas Grab.
Der 15. Mai 1972 steht hier als Sterbedatum.
Wie ist das möglich? Der Bombenangriff war 1942, im Sommer.
Dann übermannt mich die Trauer.
Ich spüre, wie mir der Boden unter den Füßen zu entgleiten droht, und setze mich auf die niedrige Steinmauer neben der Grabstelle. Eine Weile bleibe ich einfach so sitzen, die Hände auf den Knien, den Blick auf das verwitterte Marmorkreuz gerichtet.
Ich bin zu spät. Zu spät für alles.
