Die Winterbiene

Es war einmal eine kleine Biene namens Bella. Sie war anders als die anderen Bienen im Bienenstock. Bella war eine Winterbiene. Bienen flogen, wenn es kalt wurde, in ihrem Bienenstock ganz dicht zusammen zu einer Kugel und hielten sich und ihre Königin dadurch warm. Während ihre Schwestern und Brüder die Kälte in dieser warmen Wintertraube verschliefen, liebte Bella den Winter und zog es vor, durch den verschneiten Wald zu summen. Sie trug einen kleinen, flauschigen Mantel, warme Stiefelchen, eine gestrickte Mütze und einen rot-weiß karierten Schal, den ihr die alte Eule Urmi geschenkt hatte.

An einem frostigen Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, summte Bella fröhlich wie immer durch den verschneiten Wald. Der Schnee glitzerte wie Millionen von Diamanten und die kahlen Bäume standen still und majestätisch in der eisigen Kälte. Doch plötzlich bemerkte Bella etwas Ungewöhnliches. Dort, mitten im Schnee, stand ein einzelnes Mandelbäumchen – und es blühte!

Zarte, rosafarbene Blüten leuchteten in der Wintersonne, als ob es Frühling wäre.

Da stimmte etwas nicht. Bella wusste das sofort. „Ein Mandelbäumchen darf doch erst im Frühling blühen“, murmelte sie besorgt und flatterte näher. Die Äste des Bäumchens zitterten in der Kälte, und seine Blüten schienen schon leicht von Frost überzogen zu sein.

„Wer bist du, kleine Biene?“ flüsterte das Mandelbäumchen mit schwacher Stimme. „Und warum bist du nicht wie die anderen Bienen im Stock?“

„Ich bin Bella, die Winterbiene“, antwortete sie. „Ich liebe den Winter, aber du, was ist mit dir? Warum blühst du? Deine Blüten werden erfrieren, wenn wir nichts tun.“

Das Mandelbäumchen seufzte. „Ich habe mich in der Jahreszeit geirrt. Ein warmer Wind kam letzte Woche durch den Wald und hat mich geweckt. Es war plötzlich so ungewöhnlich warm und ich dachte, es wird Frühling. Nun kann ich meine Blüten aber nicht mehr zurückholen. Wenn sie erfrieren, werde ich vielleicht nie wieder blühen können.“

Bella dachte nach. Das arme Mandelbäumchen – es war Weihnachten, und Weihnachten war doch die Zeit der Wunder. Aber wie konnte sie das Bäumchen retten?

Sie flog schnell zu ihrer Freundin Urmi, der alten Eule, die in einer Höhle im Stamm einer alten Tanne wohnte.

„Urmi, ich brauche deine Hilfe! Ein Mandelbäumchen blüht im Schnee, und es wird erfrieren! Was kann ich denn bloß tun?“ rief Bella, während sie aufgeregt mit ihren kleinen Flügeln schlug.

Die Eule öffnete ein Auge und überlegte. „Hm, das ist aber eine schwierige Aufgabe. Vielleicht könnte dir der Nordwind helfen. Wenn du ihn überredest, zuerst ein Häufchen Laub um das Bäumchen zu pusten, damit die Wurzeln nicht erfrieren und dann sanft und warm zu wehen, könnten die Blüten geschützt werden. Doch sei gewarnt, der Nordwind ist launisch und er liebt die Kälte. Es wird nicht leicht, ihn zu überreden.“

Entschlossen machte sich Bella auf den Weg. Sie flog hoch in die Lüfte, und brummte dabei fast wie eine Hummel von der Anstrengung. Bis sie endlich den eisigen Atem des Nordwinds spüren konnte, war es schon später Nachmittag geworden. Sie zog sich ihre Mütze tiefer ins Gesicht und ihr Wintermäntelchen eng um ihren gelbschwarzen Körper.

„Herr Nordwind! Herr Nordwind!“ rief sie schon laut von Weitem. „Ich brauche eure Hilfe! Unbedingt! Ein Mandelbäumchen blüht mitten im Winter, und seine Blüten werden erfrieren!“

Der Nordwind lachte dröhnend. „Warum sollte ich helfen? Ich liebe die Kälte. Was interessiert mich ein blühender Baum im Winter. Selbst schuld, nicht wahr? Dachte er, Mandeln wären eine hübsche Abwechslung zu Tannenzapfen?“

„Aber es ist doch Weihnachten“, bat Bella flehend. „die Zeit der Wunder und der Güte. Bitte, nur ein wenig Wärme und nur so lange, bis der Frost vorüber ist.“

Der Nordwind schwieg einen Moment. Schließlich seufzte er. „Na gut, kleine Winterbiene. Weil Weihnachten ist und nur, weil du mutig genug warst, hierher zu fliegen, mich um einen Gefallen zu bitten. Ich werde dir helfen!“

Der Nordwind blies seinen kalten Atem nur noch am Wald vorbei, und in den Wald strömte stattdessen ein milder, warmer Hauch. Das Mandelbäumchens hörte auf zu zittern und die Blüten leuchteten wieder kräftig hellrosa und wunderschön.

Bella summte glücklich um die Zweige des Bäumchens.

„Vielen Dank, Bella“, sagte das Bäumchen leise. „Du hast mir das Leben gerettet. Vielleicht kann ich dir eines Tages auch einmal helfen.“

Als der Weihnachtsabend kam, strahlte das Mandelbäumchen inmitten des Waldes. Seine Blüten leuchteten wie winzige, rosafarbene Laternen und schenkten den Tieren im Wald Hoffnung und Freude.

Bella summte zufrieden umher. Sie war überglücklich, dass selbst eine kleine Winterbiene Großes bewirken konnte.