von Clara Sternfeld

KAPITEL I

Szene 34

„Sie sind wieder frei. Man hat sie einfach wieder laufen gelassen. Alle drei. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, mehr auch nicht.“
Richard bekommt kaum Luft, so sehr regt er sich auf. „Weil sie die Tat als dummen Streich abtun konnten. Ein Streich! Die sollen sich mal meine Beine ansehen. Ist das ein Streich, wenn man einem Menschen mit Feuer anzündet?“
So aufgebracht habe ich ihn noch nie erlebt – trotz seiner Schmerzen.
„Du hast mir doch selbst gesagt, dass die Strafen gering ausfallen könnten, weil sie noch so jung sind. Vielleicht ein paar Sozialstunden“, erinnere ich ihn.
„Gering vielleicht – aber nicht nichts!“
„Du wolltest mir doch letztes Mal erzählen, wie es dazu kam, dass du auf der Straße gelandet bist. Ich hätte jetzt Zeit“, versuche ich, ihn abzulenken.
„Dann setze dich wenigstens.“ Richard richtet sich mühsam auf.
„Soll ich dir …“
„Nicht nötig.“ Er drückt auf einen Knopf, fährt sich in eine halb aufrechte Haltung.
„Aber nur unter einer Bedingung. Du erzählst mir im Anschluss auch etwas von dir.“
Mir wird heiß, aber ich nicke.
So erfahre ich, dass er trotz unzähliger Bewerbungen keine neue Anstellung fand. Eine Zeit lang ging es noch – Rücklagen, Arbeitslosengeld. Doch irgendwann war alles aufgebraucht. Die Raten für das Haus, die Kosten für das Auto, Kinder, Versicherungen – alles lief weiter.
Und dann begann das Karussell nach unten.
Er fiel in Hartz IV – was auch immer das ist. Seinem Gesicht nach zu urteilen: etwas Fürchterliches.
Seine Frau hatte sich schon lange innerlich abgewandt. Schließlich forderte sie ihn auf, zu gehen. Sie blieb mit den Kindern im Haus.
Er hauste fortan in einer winzigen Einzimmerwohnung.
„Das reicht für heute“, meint er schließlich. Er sieht müde aus – also frage ich nicht weiter nach.
Wie ruhig er das erzählt – ganz ohne Bitterkeit.
Ich aber stehe nun vor einer Entscheidung. Einer schweren. Was sage ich ihm?
„Ich, ich …“ Ein paar Schweißperlen laufen mir über die Stirn. Mehr als mich rauszuwerfen, wird er nicht. Hoffentlich nicht.
„Ich komme aus einer anderen Zeit“, bringe ich mühsam über die Lippen.
„Du kommst was?“ Er sieht mich an, als hätte er einen Geist gesehen.
Etwas fester bringe ich hervor: „Ich bin in einer anderen Zeit geboren. Einer vergangenen. Und ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich habe in dieser Stadt gelebt – nur früher!“
Es verschlägt Richard die Sprache. Er starrt mich an. Groß. Fassungslos.
Ich werde unruhig, stehe auf, jederzeit bereit, das Zimmer fluchtartig zu verlassen.
„Jetzt verstehe ich. Deshalb bist du so anders.“ Fast abwesend nickt er vor sich hin.
Für Minuten füllt Schweigen den Raum.
Dann – fast ein Scherz: „Dann sind wir wohl beide aus dem Rahmen gefallen.“
Er greift nach seinem Wasserglas.
„Ich kann nicht mehr. Aber wir beide … wir haben wohl noch einiges zu erzählen.“
Damit schließt er die Augen, und ich höre nur noch sein ruhiges, tiefes Atmen.

Szene 35

Aufgewühlt irre ich durch die Straßen meiner Stadt.
Bin ich zu weit gegangen? Habe ich zu viel erzählt? Menschen ziehen an mir vorbei. Ich nehme sie kaum wahr. Autos, Fahrräder, ein paar Kinderwägen.
Ist mein Problem nicht klein, angesichts dessen, was mir Richard erzählt hat? Ich kenne solche Schicksale. Und wie ich sie kenne.
Nach dem ersten Krieg landeten viele auf der Straße – im Bahnhof, in den Unterführungen, selbst ganze Familien. Hunger, Armut, Krankheit. Während sich die linken und rechten Herren stritten, lag das Elend offen auf der Straße – und doch schauten alle weg.
Menschen standen an den Straßenrändern und verkauften ihre Möbel.
Und eines Tages war das Geld nichts mehr wert. Schubkarren voller Geldscheine – und die Leute verarmten.
Wir hatten einen kleinen Garten hinter dem Haus, ein paar Hühner und Mama pflanzte überall Gemüse – auf dem Balkon, auf den Fensterbänken, sogar auf den Stufen im Treppenhaus standen Töpfe und Schalen.
Mama war großartig. Und Lothar auch. Sie hielten uns irgendwie über Wasser. Ich konnte zur Schule gehen, und irgendwann gewann sogar Papa ein wenig Lebensfreude zurück. Mama hatte ihm nach und nach Aufgaben mit den Pflanzen übertragen. Das tat ihm gut.
Trotzdem ging diese Zeit nicht spurlos an uns vorüber.
Aber genug der Erinnerungen. Ich muss noch zu Vera – sie will ja morgen mit mir zu dieser Aktivität von Leonie. Es ist nicht weit bis zu Veras Haus und dieses Mal nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und klingle.

Szene 36

„Darf ich dich fragen, was du suchst?“
„Die Fensterkurbel. Es ist schrecklich heiß hier drin. Ich würde gerne das Fenster etwas öffnen – natürlich nur, wenn es für dich in Ordnung ist.“
Ich sitze auf dem Beifahrersitz in Veras kleinem rotem Auto. Mir ist schlecht. Sie jagt mit beunruhigendem Tempo über die kurvige Landstraße – zu Leonies Veranstaltung.
Falls wir dort überhaupt lebend ankommen.
Leise bete ich: ‚Lieber Gott, Erbarmen! Bitte keine weiteren Kurven.‘
„Soll ich die Klimaanlage anmachen? Ah, Mist – geht ja nicht. Ich muss morgen unbedingt in der Werkstatt anrufen.“
„Müssen wir jetzt im Auto ersticken? Noch ein paar Minuten in dieser Hitze – und wir sind gar gekocht.“
Vera kullern vor Lachen ein paar Tränen über die Wangen. Sie wischt sie mit dem Handrücken ab.
Dann erbarmt sie sich offenbar und drückt auf einen Knopf. Sofort senkt sich die Scheibe auf meiner Seite.
Als sie mein Erstaunen sieht, fragt sie verblüfft: „Du kennst das nicht? Fährst du nur ÖPNV?“
ÖPNV? Klimaanlage? Von was redet Vera? Klimakrise? Klimaaktivisten? – Mir dreht sich alles – und nicht nur, weil ich Veras Fahrstil für hochriskant halte.
„Na ja“, antworte ich. „Zug, Bus oder Fahrrad.“ In Gedanken setze ich hinzu: Ich hatte einen Funkkraftwagen.
Wir scheinen angekommen zu sein. Vera lenkt ihren Wagen rückwärts in eine winzige Parklücke. Oh – das kann sie aber gut.
„Wir müssen noch ein kleines Stück laufen, aber weit ist es nicht.“ Sie nimmt ihre Tasche vom Rücksitz, drückt auf ihren Schlüssel – und es klackt. Das Auto ist verschlossen.
Zur Kontrolle ziehe ich noch einmal am Türgriff. Tatsächlich.
Ich beschließe, mich heute über gar nichts mehr zu wundern.
„Kommst du?“, fragt Vera mit einem schiefen Lächeln.
Und so gehen wir nebeneinander über den Parkplatz.