von Gunilla Pavel

Salzig schmeckt der kleine Tropfen,
den sie sich vorsichtig tastend mit der Zunge aus ihrer Armbeuge leckt. Glühend läuft ein weiterer Tropfen
ihren klebrigen Hals entlang zu der kleinen Kuhle an ihrem kantigen, noch jungen Schlüsselbein. Von dort wischt sie ihn mit der Spitze ihres Kinns achtlos fort.
Den Träger ihres dünnen Kleides zieht sie energisch zurück auf die Schulter. Er war von dort herunter gerutscht, als sie kraftvoll schaukelnd über den Baumwipfeln des Tals Ausschau gehalten hat.
Der Streifen Rauch, der gerade unter dem Ort im Wald weiter hinten aufsteigt, ist wichtig. Die gellenden Schreie der Erwachsenen, aus derselben Richtung kommend, ebenfalls.
Die Sirenen vom Gemeindehaus hatten die Menschen des Dorfes auf den Plan gerufen Gleich danach erklang im gesamten Tal eine heulende Warnung nach der anderen.
Etliche Erwachsene mussten sofort los, die Alten blieben zurück und bekamen die Jüngsten zur Aufsicht zugeschoben.
Sie selber blieb mit drei anderen Kindern auf dem Spielplatz zurück.
Alle sind alt genug um unbeaufsichtigt zu bleiben, und dennoch –
Nun sind sie allein.
Der Wind bauscht auf. Sie können es schon lange riechen. Es kommt unaufhaltsam näher.
Vielleicht wären sie besser doch nicht allein geblieben.
Kleine graue Flocken lassen sich hier und da auf ihren sommersprossigen Armen nieder.
Als sie sie wegwischen will, bleiben schmierige graue Streifen auf ihrer feuchten Haut zurück.
Und alle vier hören das näher kommende, nimmersatte Knistern und Knacken. Dahinter das bedrohliche Grollen unbändigen Hungers.
Es reicht. Sie läuft los.
Nach Hause, ohne sich noch um die anderen zu scheren.
Oft genug hat die Mutter mit ihr geübt, was in solch einer Situation zu tun ist. Auch die anderen tun jetzt genau das, was sie von ihren eigenen Eltern gelernt haben.
Für sie selbst gilt: Die Ställe öffnen. Die Tiere hinaustreiben. Die Ställe schließen. Damit sie sich dort nicht in Panik doch wieder verkriechen. Die Katze aus dem Haus lassen.
Millie wird sich einen Ausweg suchen. Oder eben sterben. Aber draußen stehen ihre Chancen vielleicht besser als im Haus.
Den Hund hat sie an die Leine genommen.
Und dann geht es mit ihm und dem stets fertig gepackten Rucksack von der Garderobe hinunter zum Fluss.
Denn der Wald umschließt den leicht erhobenen Ort weitestgehend. Die Wege durch das Tal zur großen Straße und der entfernten Stadt hin sind schmal, ein Entkommen so gut wie ausgeschlossen. Daher immer der Fluss. Ein Boot ist schneller aus der riskanten Zone heraus. Das Wasser ein Schutzwall vor möglichen Feuerwalzen. Doch der Fluss ist nun schon beinahe ganz ausgetrocknet. So niedrig das Wasser, da fährt kein Boot. Die Hitze der letzten Monate hat dem Land zugesetzt.
Was sie am Fluss noch soll, wie sie dort sicher sein kann, kann sie jetzt nicht mehr erkennen.
Die Löschflugzeuge sind in der Luft. Schon seit Tagen waren sie dort, doch die Rauchsäulen wurden nicht weniger, im Gegenteil.
Nun steht sie da. Den Rucksack auf dem Rücken, den Hund an der Leine, die Asche in ihren zerzausten Haaren. Einzelne Funken stieben schon über die ersten Dächer vom Dorf.
Der Hund winselt und wartet auf ihre Führung.
Ein Mal holt sie tief Luft, stößt den Atem fest aus, dann steigt sie entschlossen mit ihm ins flache Wasser.
Schritt für Schritt watet sie so weit in die Mitte des Flusses, wie sie noch sicher gehen kann. Bis zu den Knien also. Auch das eine weitere strikte Anweisung der Mutter.
„Wenn es so weit ist, gehst du, hörst du? Hör mir zu, du gehst. Du atmest flach, du schaust nach vorn, du gehst. Warte auf niemanden. Auf niemanden.“
Während über ihr die Flugzeuge dröhnend hinweg donnern, sich über dem Dorf die großen grauen Schwaden zu einem massiven Monster an Rauchwolke auftürmen und die Sirenen heulen, als könne das noch etwas ändern, beginnt sie also zu gehen.
Den Blick nach vorn gerichtet, flach atmend, immer geradeaus dem Lauf des Flusses folgend.