Roman: Der Veteran (Teil 6)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 12
Wer kauft so viele Lebensmittel? Ich drehe bereits meine dritte Runde in dem großen Geschäft. Manches gibt es hier, das kenne ich nicht – mit exotischen Namen –, anderes nur aus Büchern. Für diese Unmengen an Waren sind erstaunlich wenige Kunden unterwegs. Gut, die Männer sind vermutlich bei der Arbeit, aber wo sind die Hausfrauen, die fürs Mittagessen einkaufen? Leben die Menschen so im Wohlstand? Das muss wohl sein. Anders kann ich mir die Fülle nicht erklären.
Vergeblich habe ich nach einer Theke Ausschau gehalten. Die Leute rennen durch die Gänge, greifen in Regale, werfen sich plastikverpacktes Zeug in einen Metallwagen und gehen dann zu solchen seltsamen Gängen, legen alles auf ein schwarzes Band, das sich bewegt und statt zu bezahlen, schieben sie kleine Karten in ein Gerät. Als Wechselgeld bekommen sie einen langen Zettel, den sie sich achtlos in die Tasche schieben. Verrückte Welt.
Und sonst – Plastik, wohin man auch schaut. Selbst Milch wird in komischen viereckigen Kisten verkauft und steht in einem Regal.
Im Krieg war Milch kaum aufzutreiben. Aber früher, davor – da war es ein Ritual, mit unseren Milchkannen in ein Milchhäuschen zu gehen. Dort traf man sich, wie auch beim Bäcker, beim Metzger oder beim Kolonialwarenhändler auf einen kleinen Plausch. Es wurde gelacht, die neuesten Witze erzählt, aber auch mal auf die Politik geschimpft. Besonders als Kinder – und wir wurden oft zum Milchholen geschickt – nutzten wir die Heimwege zum Milchkannendrehen. Wir schleuderten die frische Milch wie Riesenräder, ohne auch nur einen einzigen Tropfen zu verschütten.
Wie komme ich hier wieder raus? Schließlich laufe ich einfach durch eine dieser Einkaufsschleusen hindurch. Nicke der Frau an diesen „Kassen“ im Vorbeigehen freundlich zu, laufe fast so eilig wie die Kundschaft auf diese automatische Tür zu. Davon hatte ich schon gehört – damals. Supermärkte mit Türen, die sich von selbst bewegen. Aber gesehen?
Kaum bin ich im Freien, gewinnt mein technisches Interesse die Oberhand – und ich möchte wieder hinein. Aber die Tür öffnet sich nicht. Verdattert starre ich die dicke Glasscheibe an. Drücke mit der Hand etwas dagegen – nichts.
Um mir die ganze Tür genauer ansehen zu können, trete ich ein paar Schritte zurück, aber ich kann nichts Außergewöhnliches erkennen. Klar, sie funktioniert elektrisch. Aber woher wusste sie beim ersten Mal, dass ich komme und hinein will – und jetzt nicht mehr. Aus dem Geschäft nach draußen gelangte ich auch problemlos.
Als ich erneut Richtung Tür laufe, öffnet sie sich. Ach! Ich gehe ein paar Schritte rückwärts – die Tür schließt sich. Wieder ein paar Schritte vorwärts – die Tür öffnet sich.
Die einfachste Lösung scheint mir: etwas zum Drauftreten, etwas, das auf Gewicht reagiert. Aber so genau ich mir den Boden vor der Tür auch betrachte – ich kann nichts erkennen.
Wieder reingehen und fragen? Nein, lieber nicht.
War hier früher nicht … eine Eisenwarenfabrik? Oder bilde ich mir das ein? Ich versuche mich zu erinnern. Wirklich sicher bin ich mir nicht mehr. Aber es sieht auch alles völlig anders aus, kaum wiederzuerkennen. Industriegebiet war das damals auch – nur anders.
Ein weiterer, ebenso großer Markt schließt an denselben riesigen Parkplatz an – mit einem anderen Namen. Warum zwei? Reicht einer nicht? Wenn ich mir den leeren Parkplatz so ansehe, hätte ein Geschäft gereicht. Ein kleineres.
Dann schlendere ich über den Parkplatz Richtung Straße. Eilig habe ich es nicht mehr. Wie breit auch die Straßen geworden sind. Und manche haben noch eine Straße neben der Straße. Schmal, leer – vielleicht eine nur noch für Kinder.
Szene 13
Es stinkt bestialisch.
Leicht verdeckt, hinter einer riesigen Plastiktonne mit Rädern, stehe ich an einen Baum gelehnt und beobachte das Geschehen vor dem Kiosk. Solche Buden sind mir nichts Neues – die gab es schon immer. Mal mit Bratwürsten, mal mit Süßigkeiten, mit Zeitschriften und Zeitungen, Kaffee, Zigaretten und natürlich Alkohol. Während der Regimezeit – ach, egal. Später.
Der Geruch ist wirklich unerträglich. Das muss ein überdimensionaler Mülleimer sein. Aber ich sehe keinen geeigneteren Platz, um nicht bemerkt zu werden.
Eine Gruppe Menschen in schäbiger, verwahrloster Kleidung sitzt etwas abseits – auf einer kleinen Mauer, auf umgedrehten Bierkisten oder direkt auf dem Boden. Manche scheinen sich zu unterhalten, andere starren nur stumpf vor sich hin. Fröhlich sieht niemand aus. Eher müde. Bedrückt. Vielleicht resigniert? Oder interpretiere ich das jetzt nur? Ein Anblick, der wehtut.
Erstaunlicherweise rauchen sie nicht. Nur ein paar halbvolle oder leere Bierflaschen stehen herum. Also hier ist er tagsüber. Irgendwie muss ich schlucken.
Nur einmal um die Ecke und die Straße runter von dem Überangebot des Supermarktes entfernt.
Ich war schon einmal hier – irgendwann. Irgendwie. Ich suche in meinen Erinnerungsfetzen nach Bildern, aber es ist zu vage.
An einem hölzernen Stehtisch grölen drei Jugendliche. Ist die Schule schon aus? Haben die kein Zuhause? Sie trinken ebenfalls Bier aus Flaschen. Geht das? Gerade pöbeln sie einen jungen, fremd aussehenden Mann an, der sich etwas zu Essen bestellen möchte. Sein Blick sucht Hilfe. Vergeblich. Schließlich läuft er ohne Essen davon. Es ist wie früher. Nur bunter.
Ich habe genug gesehen, mir schwirrt der Kopf.
Bevor ich mich jedoch zum Gehen wenden kann, höre ich ein komisches Klackern. Eine Frau, schon älter, schiebt einen dieser Wagen aus dem Supermarkt vor sich her. Was macht sie denn mit diesen vielen leeren Flaschen?
Irritiert beobachte ich sie. Beim Kiosk angekommen, klopft sie ans Fenster. Der Kioskbesitzer streckt den Kopf heraus – etwas mürrisch, ob wegen der Frau oder überhaupt, kann ich nicht erkennen.
„Ach Lotte, du bist es!“ Er kommt heraus, zählt die Flaschen und drückt ihr ein paar Münzen in die Hand. „Leg sie dort in die Kisten, Lotte.“
Damit verschwindet er wieder im Kiosk. Lotte macht, wie ihr geheißen, und schiebt ihren Wagen wieder in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Sie kauft keine neuen Flaschen und sonst auch nichts. Seltsam …
Mich hält hier nichts mehr. Ich bin froh, dem Gestank zu entkommen.
