Roman: Der Veteran (Teil 5)
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von Clara Sternfeld
KAPITEL I
Szene 10
Der Papierkorb am Rasenrand quillt über. Zerknüllte angegraute Zeitungen! Veras kleine Spende hat also ihren Abnehmer gefunden.
Unauffällig schaue ich zur Bank hinüber, auf der er liegt. Er scheint noch tief und fest zu schlafen. Es regt sich nichts unter der neuen, sauberen Zeitungsdecke. Wo er seine Tage verbringt? Im Park jedenfalls nicht.
Ich greife nach dem obersten Blatt meines Stapels. Politikteil, wohl aus dieser Woche.
Große Überschrift, fett gedruckt: „Regierung bricht ihr Versprechen – Misstrauen wächst“.
Ich runzle die Stirn. Und das drucken die einfach so?
Ich blättere weiter, überfliege Spalten, Namen, Vorwürfe. Kritik, wohin man schaut. Politiker, die sich rechtfertigen müssen oder sich gegenseitig attackieren. Irgendein Herr Trump beschäftigt die Menschen über die Maßen.
Dann verschlägt es mir die Sprache: Russland führt Krieg gegen die Ukraine? Nicht gegen mein Land, nicht gegen meine Stadt – gegen die Ukraine?
Ich starre die Zeilen an, als hätte ich ein Gespenst gesehen. Sind die denn völlig verrückt geworden?
In der Aufregung hätte ich beinahe einen weiteren dicken Titel übersehen: „Israel lässt auf Hungernde im Gaza-Streifen schießen!“ behauptet die Schlagzeile.
Was sind das für Länder?
Interessiert vertiefe ich mich in den Titel. Juden!? Juden führen Krieg!
Trotz der frühen Morgenstunde treibt es mir die Schweißperlen auf die Stirn.
Das Geschnatter der Entenfamilie klingt in meinen Ohren fast wie Gewehrschüsse. Auch das lustige Vogelgezwitscher kann mich nicht beruhigen.
Ich zwinge mich, auf den Fluss zu schauen – auf sein Fließen, die kleinen Strudel, wenn er sich an den Steinbrocken bricht, auf den abgebrochenen Ast, der sich mit der Strömung treiben lässt.
Ich höre Zeitungsrascheln. Mein Banknachbar ist erwacht und faltet sein Zuhause. Oder sein Dach. Ich beobachte ihn aus den Augenwinkeln – dankbar für die Ablenkung.
Er verstaut sein Hab und Gut in mehreren Taschen. Schließlich trottet er langsam davon.
Auch ich falte die verschiedenen Zeitungsseiten und streiche meinen Stapel mit den Fingern glatt. Als handele es sich um einen wertvollen Schatz. Wie weich sich das Papier anfühlt.
So viele Meinungen. So gnadenlose Artikel.
Das gab es schon einmal. Früher, in den Jahren nach dem ersten Krieg. Auch damals waren die Zeitungen voll mit Meinung – voller Widerspruch. Es war laut, oft wirr, aber lebendig.
Da stand im „Vorwärts“ etwas ganz anderes als in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, und wieder anderes im „Berliner Tageblatt“. Man konnte sich ärgern, schimpfen, streiten – aber es war erlaubt.
Bis es plötzlich nicht mehr erlaubt war.
Ich erinnere mich noch sehr gut an das Schweigen, das mit Hitler und seinen Leuten von der SS kam. Entweder hatte man Ehrfurcht oder Angst, wenn man nur ihre schwarzen Uniformen sah.
Zuerst verschwanden die kritischen Stimmen, dann die ganzen Zeitungen.
Am Ende blieben nur noch Blätter, die alle das Gleiche schrieben: Parolen, Propaganda, Stimmen des Nationalsozialismus.
Es gab keine Meinungsfreiheit mehr, keinen öffentlichen Diskurs und schon gar keine Debatten.
Den Führer in Frage zu stellen? Das hätte keiner mehr gewagt.
Szene 11
Ich hatte vorhin den Weg gesehen, den der Obdachlose gegangen war. Ob ich ihm folgen sollte? Zu gern würde ich wissen, wo er sich tagsüber aufhält. Oder sollte ich doch zuerst Melanie in ihrer Residenz aufsuchen? Aber wie sollte ich erklären, wer ich war? Die Wahrheit? Kaum anzunehmen, dass sie mir glauben würde. Eine Szene wie mit Claudia möchte ich unbedingt vermeiden. Noch einmal für einen Bettler gehalten werden – nein, bloß nicht.
Seit dem Granatenangriff sind über 80 Jahre vergangen. Wie sehe ich überhaupt aus? An meinem Körper hatte ich keine großen Veränderungen feststellen können. Auch meine Hände – schmal und für einen Mann doch relativ feingliedrig – waren, wie ich sie kannte. Ich hatte Glück. Oder Pech, je nachdem, wie man es sieht.
Ich musste nie selbst schießen. Wenigstens das nicht. Mitschuld am Tod von Gegnern war ich trotzdem. Allein, weil ich Befehle ausführte. Und weil ich Kommandos weitergab, die bei mir über den Äther tickten. Ich war Funker. Eine wichtige Funktion in der Wehrmacht – und eine gefährliche. Immer an der Front, immer mitten im Geschehen. Ich fragte selten und gab weiter, was man mir auftrug.
Es gibt Schmutz an den Händen, den man nicht wegwaschen kann. Den man nicht sieht – aber ich spüre ihn.
Mein Bedürfnis, meine Hände in den Bach zu tauchen, treibt mich ans Wasser. Ich knie mich ans Ufer und tauche die Fingerspitzen in die kleinen Wellen. Wie weich und kühl es sich anfühlt. So angenehm. Die Entenfamilie betrachtet mich argwöhnisch aus sicherer Entfernung. Dann tauche ich die Hände bis zum Ärmelansatz ein. Dafür muss ich mich vorbeugen – und sehe plötzlich meinem Spiegelbild im Fluss entgegen. Leicht verschwommen zwar, aber doch gut erkennbar.
Das gibt es doch nicht! Ich sehe aus wie damals. Wie 27. Kein graues Haar. Keine Falten. Das Haar leicht lockig – das einzige Privileg, das man mir als Funker gönnte. Ich musste nicht im Bubikopf dienen wie die anderen. Meine Augen, meine Wangen, die gerade Nase – alles unverändert. Wie am Morgen noch, bevor uns die Granaten trafen.
Das geringelte Hemd will nicht ins Bild passen. Aber ansonsten …
Wo war eigentlich meine Funkerausrüstung geblieben? Mein Rucksack? Der mobile Kurbelgenerator? Auf dem Feldweg war nichts mehr davon zu sehen. Alles fort! Haben die Kameraden alles mitgenommen? Und mich – mich vergessen? Oder haben es die Feinde erobert.
Ich verstehe es nicht.
Hastig ziehe ich die Hände aus dem Wasser und schüttle sie heftig.
Ich werde nach dem Obdachlosen sehen. Er ist längst verschwunden, aber ich stehe auf und gehe los. In seine Richtung.
